Spendenübergabe an Kriegswitwe Natalija Jewpak, Schytomyr, 8.12.2016 – Bericht 46/2016

Natalija Jewpak ist ein neues Gesicht für Euch, sie ist eine Kriegswitwe, Mutter von zwei Kindern und lebt in Schytomyr. Über ihre Familie hörten wir erstmals im Jahr 2015. Leider war es uns nicht möglich, ihr damals finanziell zu helfen (wir hatten damals nicht ausreichend Spendengelder). Aber wir haben getan, was wir konnten, und so erhielten ihre zwei Kinder zu Weihnachten 2015 ein paar Geschenke von euch.

Im Oktober 2016 kam dann unser erstes Treffen zustande. Jetzt, kurz danach, werden wir sie besuchen und uns endlich etwas näher kennen lernen.

Ein Termin wurde ausgemacht für den 8.12.2016 um 11:00 Uhr, Oleg Boyko, der Fahrer Oleksandr und Klaus H. Walter fahren zu ihr nach Hause. Nach einigem Suchen finden wir das richtige Haus und den richtigen Eingang. Sie macht uns die Tür auf. So wie wir sie kennengelernt haben, strahlt sie und lädt uns ganz herzlich hinein.

Wir lassen uns in der Küche nieder, wo auch ihre Tochter Kateryna und ihr Sohn Artjom sind.

Kateryna ist 17, sie studiert schon und ist extra kurz von der Universität nach Hause gekommen, damit wir sie kennenlernen können. Sehr lieb von ihr, uns so entgegen zu kommen. Kateryna ist ein bildhübsches Mädchen, sie ist zierlich und hat ein sehr offenes Gesicht. Sie beherrscht Informatik und mag sehr gerne Fotografieren.

Ich stelle ihr nur eine Frage: „Wie war dein Vater?“ Ich schaue sie an und sehe, wie eine Träne nach der anderen an ihren schönen Wangen herunterläuft. Schon allein dieser Anblick ist nur sehr schmerzlich zu ertragen.

„Mein Vater war und ist der kostbarste Mensch auf der ganzen Welt für mich. Er war ein sehr guter Mensch, er hat mich respektiert, wir waren gleich, wir standen auf gleicher Stufe. Ich konnte mich entfalten und offen sein mit ihm. Er war ein sehr positiver Mensch, er hörte mir immer zu und erdrückte mich nicht. Ohne ihn fühle ich mich nicht mehr vollkommen… Die Zeit heilt nicht die Wunden, denn es tut immer noch genauso weh.“

Man kann sagen, das ist eine sehr klare Antwort, aber wie viele Gefühle und Schmerz sie wirklich in sich trägt, Schmerz den man auch beim bloßen Zuhören kaum ertragen kann… Am liebsten würde ich Kateryna umarmen, aber ich halte mich zurück.

Da sie wieder zur Uni muss, machen wir schnell ein paar Bilder für den Bericht – und schon ist sie weg.

So bleiben wir mit Kriegswitwe Natalija und ihrem Sohn Artjom (6) weiter in der Küche sitzen.

Artjom besucht nun die Schule, das ist sein erstes Schuljahr. An seiner Schule gibt es sechs Erste Klassen, die dieses Jahr eingeschult wurden, sehr viele! Er mag sehr gerne Mathematik, aber Literatur nicht so, denn Lesen liegt ihm so nicht sehr. In seiner Freizeit besucht er seit kurzem einen Sportverein und übt dort Karate. Gebühren muss die Familie dafür nicht zahlen, denn sie sind als ATO-Familie davon befreit. Wo wir doch gerade mit den Kindern gesprochen haben, können wir uns jetzt der Kriegswitwe zuwenden und versuchen das Gespräch an euch weiter zu geben, soweit es uns möglich ist.

Die Kriegswitwe Natalija ist 39 Jahre alt. Ursprünglich kam sie aus der Oblast Winnyzja. Ihre Mutter (66), lebt noch dort und möchte nicht nach Schytomyr ziehen. Der Vater von Natalija ist leider schon verstorben. Natalija hat noch zwei Schwestern, die wie sie in Schytomyr wohnen.

1997 kam sie nach Schytomyr, da sie hier einen Lehrplatz gefunden hatte, denn sie wollte damals Näherin werden. Als sie bei Freunden war, hat sie ihren zukünftigen Ehemann kennengelernt.

„Er fragte mich, ob er mich heimbringen darf, und ich stimmte zu,  wir waren 15 Jahre zusammen, nachdem er mich nur ein Mal nach Hause gebracht hatte.

1999 haben wir unsere Tochter bekommen und zehn Jahre später kam unser Sohn zur Welt. Es war sehr schön, er hat meine Hand im Kreißsaal gehalten. Danach veränderte sich seine Meinung gegenüber Frauen, unsere Rolle in dieser Gesellschaft, im Leben. Er war schon früher sehr aufmerksam, aber nach der Geburt kam er noch mehr aus sich heraus – und es waren alles nur positive Sachen!“

Juryj Jewpak war 37 Jahre alt als er am 13. August 2014 bei Stepaniwka im Gebiet Donezk fiel. Am 17. März 2014 war er in die Armee einberufen worden und ging ohne Widerrede an die Front. Zum letzten Mal durfte seine Familie seine Stimme am 12. August 2016 um 18:00 Uhr hören. Danach gab es nur noch Totenstille. Sehr lange Zeit wusste seine Familie nicht, wo er sich befindet, ob er noch lebt, sich in Gefangenschaft befindet oder wirklich nicht mehr unter uns Menschen weilt…

Am 18.02.2015 bekam die Kriegswitwe einen Anruf aus dem Gebiet Saporischschja. Es war genau der Tag, an dem ihr Mann eigentlich seinen Geburtstag feiern sollte. Stattdessen wurde ihr mitgeteilt, dass seine körperlichen Überreste gefunden wurden und, dass sie ihn bitte abholen kommen soll. Sie sah ihren Mann nicht, ihr wurden nur die restlichen privaten Gegenstände gezeigt, die irgendwie noch geblieben sind, welche sie dann auch erkannt hat.

„Mein Mann Juryj war ein Patriot seines Landes, er war ein sehr ehrlicher und respektvoller Mensch!“

Ich fragte sie: „Ist es wahr, dass die Zeit Wunden heilt?“

Sie antwortete: „So wird nur unter Menschen gesprochen, die Zeit heilt nichts! Ich muss so leben, dass ich mich später, wenn ich bei meinem Mann bin und ihm im Himmel gegenüber stehe, nicht schämen muss, in sein Gesicht und seine Augen zu schauen! Ich glaube nicht, dass mein Mann tot ist, ich habe ihn nicht gesehen, wir haben nur einen Sarg beerdigt, woher soll ich wirklich wissen, dass er da drin war. Diese Garantie kann mir keiner geben! Ich weiß nicht wie es weitergehen soll, die Zeit wird es mir schon zeigen.“

Nataljia hat ihr Leben lang als Verkäuferin in einem kleinen Laden gearbeitet, seit dem 8. Dezember 2016 ist sie nun arbeitslos. Weil sie gerne Menschen, die durch den Krieg gelitten haben, helfen möchte, hat sie ihren Job gekündigt. Natalija ist einer in Kyiw gegründeten Initiative von Kriegswitwen beigetreten, zusammen mit Olga Litwin leitet sie jetzt eine Filiale dieser Vereinigung in Schytomyr, wo sie auch zur Zeit ehrenamtlich tätig ist. Später evtl. wird sie für diese Tätigkeit auch bezahlt werden.

Ich frage sie, ob diese Wohnung, in der wir uns gerade befinden, ihr gehört.

„Ja, wir haben diese Wohnung mit zwei Zimmern vor kurzem erhalten, renoviert und möbliert. Die beiden Kinder teilen sich ein Zimmer, und ich benutze das Gästezimmer gleichzeitig als Schlafraum. Die Kinder erhalten eine Waisenrente.“

Wir würden vielleicht noch weiter sitzen bleiben und uns unterhalten, aber es ist Zeit für uns zu gehen, daher gehen wir zu Spendenübergabe. Alle Quittungen werden unterschrieben, Natalija erhält für ihre zwei Kinder einen Betrag in Höhe von 400,00 € ausgezahlt. Sie bedankt sich ganz herzlich für die Hilfe und sagt zum Abschied: „Ich würde mich sehr freuen, euch wieder mal zu sehen. Ihr seid herzlich eingeladen!“


Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung –

Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst Klaus H. Walter, Noelie Uhlmann und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.

 

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