Spendenübergabe an Witwe Wioletta Juldascheva mit fünf Kindern, Kyiw 1.03.2016 – Bericht 14/2016

Für diese Familie schrieben wir am 22.01.2016 einen Spendenaufruf, den ihr hier noch einmal nachlesen könnt: Aufruf 1/2016.

Die Witwe Wioletta wohnt mit ihren Kindern in der Stadt Charkiw. Das Treffen findet aber in Kyiw statt, da ich nur für kurze Zeit für Spendenübergaben in der Ukraine sein werde. Ich würde es zeitlich einfach nicht schaffen, sie in Charkiw zu besuchen, weil wir nach wie vor grundsätzlich alle Spenden persönlich übergeben wollen. Also suche ich nach einem Kompromiss, und Wioletta sagt mir auch sofort zu, denn diese Frau verbindet viel mit Kyiw. Ihr Mann Temur liegt hier beerdigt, und zwei ihrer älteren Kinder studieren seit kurzem hier. Außerdem hat sie hier viele Freunde gefunden, welche sie herzlich empfangen und ihr Heim sehr gerne mit ihr teilen.

Wir treffen uns am 1.März 2016 in Kyiw auf dem Maidan und gehen zusammen ins Hotel „Ukraina“, wo ich während meines Aufenthaltes übernachte. Wioletta kommt nur mit einem ihrer fünf Kinder, Aristarch, zum Treffen. Die anderen zwei sind in der Uni, und die anderen sind krank geworden – sie macht sich Sorgen. Da die anderen Kinder nicht dabei sein können, verspricht sie mir noch am gleichen Abend, ein Familienfoto zu machen und es mir zu zusenden. „Das ist doch kein Problem, denn wichtig ist, dass Sie überhaupt hergekommen sind!“ sage ich ihr, und so gehen wir aufs Zimmer, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.

Wioletta ist 39 Jahre alt, aber im Leben sieht sie viel jünger aus. Sie hat fünf tolle Kinder: Margarita (18), Georgyj (17), Wladislaw (17) der schon von Geburt an unter infantiler Zerebralparese leidet, Aglaja (10) und das Nesthäkchen Aristarch (9).

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Die Geschichte dieser Frau, Flüchtling und Witwe ist sehr bewegend, und ich bin sehr dankbar, dass ich sie an diesem Tag kennenlernen durfte.

Wir machen es uns bequem, und ich kläre sie erstmal darüber auf, wer wir sind und warum wir helfen. Wioletta hatte uns damals um Hilfe gebeten, und ich frage sie, wie sie auf uns kam. Sie beantwortet mir die Frage mit : „Ich musste an dem Tag die Überreste meines Mannes aus der Leichenhalle abholen. Ich holte ihn ab und fuhr zurück nach Kyiw. Er lag im seinem Sarg, und ich saß neben ihm. Wärend der Fahrt klingelte mein Handy. Es war Maksym aus Melitopol. Er sagte mir, dass es einen Verein in Deutschland gibt, der versucht, die Witwen so weit es geht zu unterstützen. Ich solle mich doch bitte an den Verein wenden, denn alleine mit fünf Kindern sei nicht einfach, besonders da eines der Kinder so krank ist. Und so tat ich es dann auch. Danke, dass Sie meinen Hilferuf gelesen haben.“

Als sie mir dies erzählt, höre ich zuerst nur den Anfang. Es ist nicht der erste Fall, in dem Witwen die Leichen ihrer Liebsten selber abholen müssen. Sie dienten doch dem Staat, der Ukraine. Warum kümmert sich das Militär nicht darum. Naja, die Situation kann man leider nicht mehr verändern. Daher sollten wir uns in diesem Fall jetzt auf ihre Zukunft konzentrieren und versuchen, so weit es uns allen möglich ist, solche Familien zu unterstützen und ihnen den nötigen Halt schenken und geben!

Ich frage Wioletta, ob ich etwas über ihre Vergangenheit erfahren dürfe, worauf sie sehr überrascht reagiert: „Danach hat mich bisher noch nie jemand gefragt.“

Liebe Leser, damit ihr euch besser hineinversetzen könnt, kehren wir zurück in das Jahr 2005 und gegebenenfalls sogar früher, in den Ort Luhansk und sehen, wie die Familie früher lebte und was für Menschen sie vom Charakter her sind, wer sie überhaupt sind.

Wioletta verliebte sich und heiratete den Mann ihres Lebens, wie sie damals dachte. Mit ihm bekam sie ein Kind. Einen Jungen Namens Wladislaw, der leider nicht gesund zur Welt kam. Dies belastete ihren Ehemann so sehr, dass er ihr die Schuld daran gab, dass das Kind unter infantiler Zerebralparese litt. Die Ehe ging daran zu Bruch, und er verließ sie. Er ließ sie und den gemeinsamen Sohn ganz allein auf sich selbst gestellt. Ihre Mutter und ihr Opa halfen ihr, wo sie nur konnten.

Fünf lange Jahre lebte sie mit Wladislaw allein. In ihrer Freizeit ging sie in eine Sporthalle, wo sie gerne Sport trieb, und lernte dort ihren zweiten Ehemann kennen. Temur Juldaschew war ein sehr sportlicher Mensch, Sport war sein Beruf, und die Berufung seines Lebens. Er trainierte auch in dieser Sporthalle und sah Viola zwischendurch. Kontakt zueinander nahmen die beiden zunächst nicht auf. Sie beobachteten sich nur aus der Ferne. Bis Wioletta eines Tages nicht mehr genügend Zeit hatte und aufhören musste, zum Sport zu gehen.

Als Temur sie nicht mehr sah, ergriff er die Initiative, und er fand sie auch. Die beiden trafen sich wieder. Wioletta war schon immer ein sehr offener Mensch, und so erzählte sie Temur über sich und dass sie ein krankes Kind habe. Und so fragte sie ihn, was er also mit ihr wolle. Was er ihr darauf antwortete, bringt mich heute zum nachdenken: „Ich habe auch zwei Kinder und zahle Unterhalt! Dein Kind ist mein Kind!“ Er gab nicht auf, und mit viel Liebe und Geduld gewann er Wiolettas Vertrauen und bewies ihr, dass es wahre Liebe wirklich gibt!

Und so heirateten die beiden am 1. Seprember 2005. Temurs Kinder Margarita und Georgyj lebten bei ihrer Mutter. Sie besuchten regelmäßig das frisch getraute Elternpaar und lernten sich alle kennen. Das Verhältnis zwischen allen Parteien stimmte. Wioletta war glücklich, denn sie war endlich angekommen.

Am 8. Oktober 2006 starb ihre Mutter. Temur gab seiner Frau Halt, denn sie war schwanger und musste geschont werden. So ging eine wichtige Person aus ihrem leben, und ein kleines Leben kam rein. Beide Eltern waren überglücklich, und Aglaja stellte alles auf den Kopf.

Ein Jahr nach Aglaja kam Aristarch zur Welt. Die beiden liebten Kinder und waren sehr glücklich, dass sie so eine große Familie hatten.

Das Jahr 2010 war ein Schlag für die Familie, denn die leibliche Mutter von Margarita und Georgyj, war eines Nachts bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Für Wioletta und Temur gab es nichts zu besprechen, denn sie waren ein Team, ein Herz und eine Seele. Sie holten die beiden Kinder sofort zu sich. Es gab zwar noch eine Oma, die mit ihren 67 Jahren aber nicht mehr in Frage kam, um die beiden Halbwaisen großzuziehen. Also erklärten sie es den Kindern so gut sie konnten, und sie verstanden es.

So eine kleine Wohnung für sieben Personen. Das Glück kam in dieser Familie nach so einem Schlag nur langsam zurück. Sie bekamen eine Drei-Zimmer-Wohnung in Luhansk, denn Temur diente in der Armee. Ach, was waren sie doch zufrieden damit.

Im November 2013 begann der Maidan in Kyiw, und Temur nutzte jede Minute, um dabei zu sein. Schon damals, als auf dem Maidan die ersten Menschen starben, sagte er Wioletta, dass das alles nur der Anfang sei. Was er wohl damit meinte, können wir ihn leider nicht mehr fragen, aber wir können ja selber sehen was in der Ukraine seitdem passiert.

Ende Februar/Anfang März, sagte Temur seiner Frau, dass sie bitte all ihre Sachen und die der Kinder packen, zu seiner Mutter fahren und da bleiben solle. Er dachte, dass sie da Ruhe haben und beschützt sein würden. Temur fing selber an, ein Bataillon zu bilden, und in der Nacht patrouillierten sie in der Stadt. Er geriet ins Visier russischer Journalisten und des Fernsehen. Und so kam die Lawine ins Rollen. Wioletta wurde zum FSB zitiert und wurde dort verhört.

Am 29. April 2014 geriet Temur in Gefangenschaft, und Wioletta kehrte zurück nach Luhansk. Sie musste bei ihrem Mann sein! Sie traf eine Entscheidung für alle, dass sie so lange dort bleiben würden, bis ihr Mann Temur zurückkommt. 35 Tage verbrachte er in Gefangenschaft, bis schon wieder ein Schutzengel half und ihn da rausholte. Die beiden sahen sich nur ganz kurz, da Wioletta die Stadt noch am gleichen Tag wieder verließ. Sie fuhr mit allen Kindern nach Kiyw. Und so war die Familie wieder getrennt.

Temur entschied sich, an die Front zu gehen. Er kam auch nach Kyiw, aber dort wurde er Sicherheitskontrollen unterzogen, da er ja kurz vorher noch in Gefangenschaft war und seine Mutter in Russland lebte. Bis alle Angelegenheiten geklärt waren, durfte er in der ukrainischen Armee offiziell nicht dienen. Was macht ein Soldat, der sein Leben lang der Ukraine gedient hat? Er verlässt die Armee und geht als Freiwilliger an die Front. Alle Entscheidungen standen sehr fest. Wioletta bat ihn mit Tränen in den Augen, dass er das nicht tun solle, dass er sie nicht alleine mit fünf Kindern lassen soll. Er entgegenet nur: „Du bist eine sehr starke Frau, du schaffst es, denn ich glaube an dich!“

Am 24. August 2014 fiel er am Berg Saur Mohyla, sein Leben wurde ihm durch nur einen Scharfschützenschuß genommen. Danach kam die Ungewissheit. Da seine Leiche nicht vorhanden war, hoffte die ganze Familie, dass jemand sich vielleicht nur geirrt hatte. Im Oktober 2014, fanden Volontäre ein Grab, in dem drei Soldaten lagen. Gott sei Dank wurde ein Test durchgeführt, negativ – wieder Hoffnung… Im Dezember 2014 erhielt Wioletta einen Anruf mit der Nachricht, dass ihr Mann noch lebe.

Am 15.01.2015 wurde die Familie abermals angerufen, sie sollten bitte nach Saporischschja kommen und wieder einen Test machen.

Die Behörden raubten der Witwe die letzte Geduld und Nerven. Wioletta begab sich mit den Kindern auf die Flucht und zog nach Charkiw. Dort wurde ihr geholfen, und sie bekam eine Mietwohnung. Aber ab dann kamen nur Probleme auf sie zu. Bei der Anmeldung hieß es, die zwei älteren Kinder seien ja nicht ihre leiblichen Kinder, demzufolge könne sie auch keinen Antrag auf Hilfszahlungen stellen, und so weiter. Und Temurs Leiche war bis dahin auch noch nicht gefunden. Diese Zeit war einfach sehr schwer für sie.

Im Mai 2015 werden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt, Temurs Leiche wurde gefunden wurde und mittels DNS-Test identifiziert. So holte sie seine sterblichen Überreste in Saporischschja ab.

Am 26. Mai 2015 wurde Temur in Kyiw beerdigt. Viele Menschen kamen, um sich von ihm zu verabschieden.

Somit wurden Wiolettas Gefühle abermals in ein tiefes Chaos geworfen. „Ich wusste früher, wie ich zu leben hatte, ich wusste was mich erwartete, denn Temur war mein Mann! Jetzt habe ich das Gefühl, dass er unser Engel und Beschützer ist. Einmal träumte ich sogar von ihm. Er kam, um sich von mir zu verabschieden. Sogar jetzt, während wir uns treffen, glaube ich, dass er derjenige war, der mich mit Ihnen zusammen geführt hat. Dass er mir den Weg durch andere Menschen nach Deutschland gezeigt hat. Wenn nicht seine Hilfe wäre, wüsste ich wirklich nicht, wie ich all die Schikanen der Ämter überstanden hätte. Unsere zwei Kinder studieren jetzt kostenlos an der Sport-Uni, und das ist alles seine Hilfe, von oben, wo er sich gerade befindet.“

Ich frage sie, ob es noch etwas gibt, was sie Temur nicht geschafft hat zu sagen.

Sie sagt: “Ja, ich würde mich bei ihm entschuldigen, dass ich seine Handlungen nicht immer verstanden habe. Ich würde ihn jetzt mehr bei dem Ganzen unterstützen als damals.”

Der kleine Aristarch sitzt ganz geduldig daneben, und kommt manchmal während des Gespräches auf Mutters Schoss. Aber nun ist dann auch die Zeit gekommen, um die Geldspende und die Süßigkeiten an die Familie zu übergeben. Ich gebe Aristarch all die Süßigkeiten aus Deutschland und bitte ihn um Hilfe, er möge bitte alles zwischen sich und seinen Geschwistern teilen. Mit Freuden übernimmt er diesen Auftrag und teilt alles gerecht auf.

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Die Witwe Wioletta Juldascheva bekommt im Namen des Vereins „EuroMaidan NRW e.V. einen Hilfsbetrag in Höhe von 1.000,00 € ausgezahlt. Sie bedankt sich ganz herzlich für die immens große Hilfe!

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Wir, der Verein EuroMaidan NRW e.V., möchten uns unsererseits auch ganz herzlich bei allen Spendern und Organisatoren des Benefizkonzerts, das am 4. Januar 2016  in Bonn-Beuel veranstaltet worden war, bedanken. Nur mit eurer Hilfe, euren Spenden und eurer Unterstützung war es uns möglich, die insgesamt 15 Auszahlungen durchzuführen. Meine Berichte für diese Reise sind somit beendet. Demnächst schreibt unsere Kollegin Elena Ykraina über ihre Reise und das Treffen mit zwei Familien aus dem Gebiet Cherson.


Wir danken Euch ganz herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer tolles Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung:
Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst, Noelie Uhlmann und das Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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