Spendenübergabe an Witwe Aljona und Sohn Iwan, Kyiw 29.02.2016 – Bericht 13/2016

Es ist das allererste Treffen mit Aljona. Über diese Familie schrieben wir in einem Spendenaufruf im Januar 2016.

Ich kenne mich in Kyiw überhaupt nicht aus, und da ich mich mit der Witwe Olena Lesnitzkaja treffe, um ihr einige Salben zu übergeben, welche Andreas Brandes ihr besorgte, frage ich sie, ob sie mich zu Aljona begleiten könne. Die beiden Frauen kennen sich schon, und langsam wächst daraus eine feste Freundschaft. Olena sagt mir zu, und zusammen mit ihrer kleinen Tochter, fahren wir hin.

Aljona ist 27 Jahre alt und wohnt zusammen mit ihrem Sohn Iwan (7). Wir treffen uns in ihrer neuen Wohnung, die sie soweit renoviert hat, in der aber hier und da noch etwas fehlt oder nicht zu Ende gebracht wurde. Die Wohnung ist 58 qm groß. Um so eine große Wohnung zu bekommen, musste sie leider die ihr zustehende Entschädigungssumme ausgeben. Das heißt die Regierung hat ihr die einmalige Zahlung ausgezahlt, aber sie konnte nicht die ganze Summe bekommen, denn die Schwiegereltern haben darauf bestanden, dass das Geld geteilt wird. Für Aljona spielt das keine Rolle, denn sie würde das alles hier aufgeben, Hauptsache ihr geliebter Mann würde zurück kommen…

Wir werden ganz lieb empfangen. Die Kinder kennen sich schon, und daher fangen sie sofort an mit einander zu spielen.

Wir drei setzen uns in die Küche, und sofort wird uns Tee, Kaffee und Kuchen angeboten. Aljona ist sehr offen und verhält sich so, als ob wir uns schon lange kennen.

Hier erlebe ich sehr rührende Momente, die ich zu schätzen weiß.

Sie war gerade 18 Jahre alt, als sie ihren verstorbenen Mann kennenlernte. Er musste in die Armee, und sie wartete auf ihn. Als er wieder nach Hause kam, heirateten die beiden sofort. Seine Eltern waren dagegen, aber er liebte sie, und so traf er seine erste wichtige Entscheidung! Sie lebten in einem Wohnheim, das Zimmer war 11 qm groß, und es war Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche zugleich. Sie hatten sich, und das war alles, was für die beiden zählte.

„Wissen Sie,“ ihre Stimme zittert. „ich bin nicht froh hier zu sein, ich bin nicht froh in dieser Wohnung, und ich möchte hier nicht sein. Mit welchem Preis haben wir dafür bezahlt. Wäre ich lieber weiter in dem 11-qm-Zimmer geblieben, aber mit ihm zusammen.“

Sie weint und versucht schnell, sich die Tränen wegzuwischen, aber die Tränen sind schneller als ihre Hände. Es sind nicht einfach Tränen, es ist ein Schmerz, der einfach überwältigend ist…

Das Schicksal traf diese Frau mehr als nur einmal. Schon als kleines Kind musste sie erfahren, was Leid bedeutet. Ihr Opa zog alleine drei Kinder groß, so wurde er auch zu ihrem Vater. Als Ruslan sie heiraten wollte, fragte er den Opa nach seinem Segen und hielt um ihre Hand an. „Opa war sehr streng, aber auch sehr gerecht. Wenn ich an ihn denke, möchte ich sofort lachen.“ Und das ist wahr, denn auf ihrem Gesicht erscheint ein nettes Lächeln, während sie gerade jetzt in Gedanken in ihrer Erinnerung bei Opa ist. Eine junge Frau – mit einem wunderschönem Lächeln. Aljona erzählt auch über ihre Mutter und wie sehr diese ihren Schwiegersohn mochte.

“Es war alles so herzlich, mit viel Liebe gefüllt. Leider verlor ich meinen Halt in diesem Leben, denn es riss mich emotional sehr mit…”

Zuerst kam ihr Ehemann Ruslan (30) nicht nach Hause.

„Nur noch vier Tage bis zu seinem Geburtstag, und nur zwei Wochen bis zur Rotation (Auswechseln der Soldaten)! Andere Männer kamen nach Hause, er aber nicht…“

Am 30. Januar 2015 – in Debalzewo …

„Ich musste hinfahren um ihn abzuholen. Gott segne alle Menschen, die mir damals geholfen haben. Ohne die Hilfe der Menschen hätte ich es niemals geschafft. Es war so, als ob Blitz und Donner mich durchfuhren. Die Menschen die mir vorher geholfen hatten, halfen mir ebenso durch die Beerdigung meines Mannes, welches ich nie vergessen werden kann.”

“Leider verkraftete meine Mutter das alles nicht. Sie war krank, sie hatte Krebs und dann am 10. Februar 2015 erlitt sie einen Infarkt und verließ mich auch. Der Tod von Ruslan hat sie sehr verändert, und ich musste mit ansehen wie sie vor meinen Augen wegschmolz.“

„Ich habe jetzt nur noch Iwan, und er ähnelt seinem Vater so sehr. Zu meinen Schwiegereltern haben wir keinen Kontakt. Wir haben nur uns zwei. Damals als ich geheiratet habe, wurde ich schwanger und verlor unser Kind, aber wir gaben nicht auf. Ruslan war sicher, dass unser Kind kommen wird und dass es ein Junge werden wird. Das Kind war noch nicht unterwegs, aber Ruslan sagte, dass der Junge Iwan heißen würde. Und so kam es dann auch, denn am 9. Oktober war der Feiertag des heiligen Iwan, und unser Iwan erblickte das Licht. Wie glücklich wir waren! Ruslan war ein sehr zärtlicher Mensch. Alles an ihm war besonders. Jetzt gibt es bestimmt solche Männer nicht mehr. Ruslan gab sich immer so viel Mühe, dass alle Menschen in seiner Umgebung sich wohl und geliebt fühlten.“

Eine sehr bewegende Zeit für mich in dieser Wohnung, denn diese junge Frau öffnete mir ihre Seele. Ich kann ihr nichts geben, ich kann nur da sitzen und ihr aufmerksam zuhören und darüber nachdenken, warum dieses Schicksal gerade sie ausgesucht hat.

Aljona führt uns durch die Zwei-Zimmer-Wohnung und zeigt mir auch Bilder aus Zeiten, als ihre Welt noch anders aussah. Als der kleine Iwan die Fotos seines Vater nimmt, zeigt er sie mir sehr rasch, und hiervon mache ich auch ein Foto. Dann aber zieht er sich zurück und drückt die Fotos ganz fest an seine kleine, zerbrechliche Brust.

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Aljona sagt mir, dass der kleine Mann sehr zurückhaltend geworden ist, denn er versteht sehr wohl, dass etwas passiert ist. Zur Kontrolle bringt sie ihn zum Psychologen, denn sie macht sich sehr große Sorgen um ihn. Für sich hat sie kaum Zeit.

In der Nacht putzt sie Büros für 1200 Hrywnja (nach derzeitigem Kurs etwa 40 Euro), und bei Tag klebt sie Tapeten und streicht hier und da an. Das Geld fehlt ihr einfach überall. Eine Baufirma kann sie sich nicht leisten, und so stecken in dieser Wohnung viel zu viele ihrer Gefühle und eigener Kraft.

Der kleine Iwan bekommt Süßigkeiten aus Deutschland geschenkt, und seine Mutter einen Hilfsbetrag in Höhe von 350,00€ ausgezahlt, damit die beiden sich etwas leisten können.

Aljona bedankt sich ganz herzlich bei allen Spendern für die Hilfe, und sendet euch liebe Grüße. „Ich kann meinen Dank nicht in Worte fassen, und ich bete nur, dass all die Menschen die uns unterstützen gesund bleiben und dass Gott sie segnet!“

Die Witwe Aljona weiß, dass dieses Gespräch hier in einen Bericht umgesetzt wird. Sie hat nichts dagegen, sondern im Gegenteil. Sie möchte, dass viele Menschen im fernen Deutschland ihre Geschichte lesen und ihren Mann kennenlernen, so wie sie ihn kannte. Nämlich den besonderen Menschen, der er war und für immer für sie bleiben wird!

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Wir danken Euch ganz herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer tolles Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung:
Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst, Noelie Uhlmann und das Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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