Spendenübergabe an Witwe Olena und ihre zwei Kinder am 16.10.2015 in Kiyw, Bericht: 66/2015

Dies ist der allerletzte Bericht von meiner Dienstreise im Oktober 2015. Wir befinden uns wieder in Kyiw, wo wir zwei Tage Zeit haben, um noch eine Witwe zu besuchen und um uns auch mit den Volontären und neugewonnenen Bekannten zu treffen.

Es ist schon Abend, als wir per Taxi am Wohnsitz der Witwe ankommen. Sie ist berufstätig und deshalb ist das Treffen auf den Abend verlegt worden. Olena empfängt uns ganz lieb und fragt, wo wir uns setzen möchten, aber natürlich wird dafür die Küche gewählt. Mein Sohn geht ins Wohnzimmer, wo er mit der kleiner Olga (4), einem Hund und einer Katze spielen darf, worüber er sich sehr freut.

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Oleg, der älteste Sohn von Olena, kommt zu uns. Er ist gerade 17 Jahre alt, und wir beide kommen ganz schnell ins Gespräch. Oleg hat im Sommer seine Oberschulbildung beendet (11. Klasse) und sofort angefangen zu studieren, denn er möchte gerne Tierarzt werden, da er Tiere sehr gern hat. Eigentlich wollte er Arzt werden und Menschen heilen, aber die Gebühren waren zu hoch, daher schaute er sich um und entschied sich, Tiere zu heilen. Sein Studium kostet seine Mutter ca. 600 € im Jahr. In dieser Familie waren und sind mütterlicherseits alle Ärzte, und somit bekam Oleg diese Gabe und auch den Herzenswunsch, als er erwachsen wurde.

Er führt die Unterhaltung mit mir sehr offen, und mit jedem Satz werde ich mehr und mehr von ihm beeindruckt:

„Ich war acht Jahre alt, als Jaroslaw in meinem Leben erschien. Meine Mutter war früher schon mal verheiratet, aber als ich drei Jahre alt war, trennte sie sich vom meinem Erzeuger. Jaroslaw wurde mir zu einem Freund und zu einem Vater! Er ist sehr wichtig für mich, darüber können wir uns stundenlang unterhalten. Er ist in eine Familie gekommen, wo alles schon stabil und geregelt war, und so versuchte er auch nicht, etwas um zubauen oder zu ändern. Er nahm unsere kleine Familie, so wie sie war, daher ist er ein Teil von uns geworden! Unsere Beziehung war etwas Besonderes, und darüber kann ich auch sehr lange erzählen.“

Oleg senkt seinen Kopf und sein Blick wandert kurzzeitig in die Ferne einer schmerzhaften und unvergesslichen Erinnerung. Als er sich wieder fasst, erzählt er weiter:

„Mir fällt es sehr schwer, er fehlt mir so sehr, mir fehlen unsere Gespräche. Wissen Sie, mir fehlt dieser Mensch sehr! Ich würde mich so gerne bei ihm entschuldigen für alles, was ich vorher nicht verstanden habe! Wir stritten uns manchmal, ich habe ihn damals nicht verstehen können, aber jetzt weiß ich, was er meinte. Es ist ein großer Verlust für mich, für uns!“

Leider muss Oleg unser Gespräch unterbrechen, da er los muss. Und so verabschiedet er sich. Ich sitze eine Weile da und kann nichts sagen. Ein junger Mann, der mich zum Nachdenken gebracht hat.

Olena macht einen Kaffee für mich und bietet auch Kuchen an, und das ist einfach Wahnsinn mit den Witwen, denn obwohl sie selber nicht viel haben, möchten sie trotzdem etwas für uns tun. Die Kinder werden auch in die Küche gerufen, und wir reden über alles, außer über das, was sehr weh tut. Die kleine Olga ist sehr verspielt und ist Mamas Prinzessin. Ein bildhübsches Mädchen. Als Olga und Alex fertig sind, verlassen sie die Küche, und somit sind wir wieder unter uns und kommen wieder darauf zurück, wo wir aufgehört haben.

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Olena ist 37 Jahre alt. Sie ist Augenärztin, und das ist nicht nur ein Beruf für sie sondern auch ihre Berufung. Sie ist auch sehr hübsch und hat eine nette Ausstrahlung. Sie ist sehr offen mit mir und erzählt ihre Lebensgeschichte:

„Jaroslaw und ich haben uns im Jahr 2007 in einem Café kennengelernt. Ich ging zufälligerweise vorbei und bemerkte ihn, denn er gefiel mir sofort. Er war sehr schüchtern und zurückhaltend, deshalb sprach ich ihn an, und so haben wir uns kennengelernt. Ich komme ursprünglich aus dem Gebiet Saporischschja, und er kam aus Schytomyr, aber in Kyiw waren wir auf uns ganz alleine gestellt. Wir unternahmen einiges zusammen, und als wir Silvester gemeinsam feierten, öffnete er sich und sagte, dass er mit uns zusammen leben möchte, sein Leben lang! Er half uns, wo immer er nur konnte. Ich musste nichts aussprechen, wir verstanden uns ohne Worte.

Wir waren von da an immer nur zusammen, und so kam es dazu, dass wir uns am 06.09.2008 gegenseitig das Heiligste Wort „Ja“ gaben. Drei Jahre später kam Olga zur Welt. Hätten Sie ihn nur gesehen, denn er trug mich auf Händen. Darauf hat er angefangen noch mehr zu arbeiten und kaufte diese Wohnung auf Kredit, damit wir endlich ein eigenes Heim haben. Dank ihm stehe ich jetzt mit unseren Kindern nicht auf der Straße.

Am 29.01.2015 wurde er in die Armee einerufen und musste nach Schytomyr fahren, weil er da noch angemeldet war. Vier Wochen waren Vorbereitungszeit, und die verbrachte er auf einem Truppenübungsplatz. Von da aus wurde er mit seiner 95. Einheit nach Slawjansk, Awdijiwvka verlegt.

Am 09.05.2015 sollte er nach Hause kommen, er sollte nur noch vier Tage da bleiben; vier Tage, die er leider nicht überlebt hat. Alle die überlebt haben kamen Nachhause, er leider nicht, er hat nicht überlebt…“

Sie bricht in Tränen aus und in der Küche verbreitet sich eine Totenstille.

Kurz danach zeigt sie mir seine Bilder. Jaroslaw lächelt auf allen Fotos, ein hübsches, offenes Gesicht schaut mich aus den Fotos an. Jaroslaw starb am 05.05.2015, dabei waren auch noch seine drei Freunde die mit ihm in einem gepanzerten Truppentransporter saßen.

„Am 02.05.2015 rief er mich ganz kurz an und sagte, dass sie angegriffen werden, und ich solle ihn bitte nicht anrufen, wenn alles vorbei ist, meldet er sich selber. Er hat nie etwas im Detail erzählt. Im Krieg fing er an zu rauchen. Er tröstete mich immer und sagte, dass alles gut sei. Ich hörte ihn das allerletzte mal am 04.05.2015, als er mich anrief und sagte, dass ich mir keine Sorgen machen solle, dass es ihm gut ginge, und, dass er bald zuhause sein würde. Über seinen Tod erfuhr ich erst zwei Tage später. Am 7. Mai wurde ich angerufen, und mir wurde mitgeteilt, dass mein Jaroslaw tot ist, und dass sein lebloser Körper gerade jetzt nach Schytomyr überführt wird.“

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Olena ist sofort nach Schytomyr gefahren, da ihre Schwiegermama dort lebt, und zusammen haben sie dann Jaroslaw beerdigt. Die mit Schmerz erfüllte Mutter wollte ihr Kind bei sich haben, und Olena akzeptierte ihren Wunsch. Die arme Mutter verbringt jeden Tag auf dem Friedhof, denn sie kann ihr Kind nicht loslassen, was Olena auch das Herz bricht. Sie macht sich große Sorgen.

Olena schaut mich an und sagt:

„Ich habe keine Hoffnung mehr. Jetzt habe ich keine Zukunft mehr. Ich möchte über Jaroslaw tagelang reden, aber nicht alle verstehen mich.“

Bei diesem Gespräch habe ich die Zeit total vergessen, und so waren ganz schnell vier Stunden vergangen, denn es war fast 22 Uhr und das heißt für mich bald Abschied zu nehmen und langsam zur Spendenübergabe kommen.

Im Namen des Verein EuroMaidan NRW e.V. wird ein Betrag in Höhe von 500,00€ an Olena für ihre Kinder ausgezahlt. Olena ist erstaunt über die Hilfe und sucht dabei nach passenden Worten. Ihre Dankbarkeit braucht sie nicht auszudrücken. Wir verabschieden uns und gehen raus in eine tiefe Dunkelheit. Ich atme erleichtert aus, diese Aufgabe, die mir von Euch liebe Spender anvertraut wurde, habe ich durchgeführt, und es wird für mich Zeit, nach zwei Wochen wieder nach Hause, nach Deutschland zurückzukehren.

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Wir danken Euch ganz herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer tolles Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung:
Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Noelie Uhlmann und das Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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