Wiedersehen mit zwei ehemaligen Maidan-Patienten aus Koblenz, 28. und 30. November 2015 – Bericht 61/2015

Anlässlich der Teilnahme an einem Seminar im Rahmen des von Euromaidan NRW e.V. und dem Charkiwer Fonds für lokale Demokratie (Харківський Фонд Місцевої Демократії) organisierten Programms “Kultur des Dialogs in Zeiten der Krise” (Культура Диалога- Разрешение Конфликтов-примирение) konnte ich am 28. November in Charkiw einen und am 30. November 2015 in Kyiw einen zweiten ehemals vom Verein Euromaidan NRW e.V. (damals noch “in Gründung”) wiedertreffen. Über diese beiden Begegnungen möchte ich hier berichten:

Samstagabend in Charkiw – kaum war die Konferenz beendet und die Abschlussgespräche geführt, kam Igor Barannic verabredungsgemäß in unser Hotel, um uns abzuholen. Igor gehörte wie Jurij Krawtschuk und der weiter unten erwähnte Roman Lyndow zu den ersten 16 Patienten, die am 16. März 2014 als Schwerstverletzte ins Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz verlegt und dort behandelt und “wieder hergestellt” wurden.

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Igor war während des Maidan Angehöriger der Innenministeriumstruppen, war also sozusagen auf der “falschen Seite” der Barrikaden eingesetzt. Bei den gewalttätigen Zusammenstößen auf der Hruschewskij-Straße nahe dem Eingang zum Dynamo-Stadion erlitt er eine Schussverletzung im Gesicht, durch die er ein Auge verloren hat und Teile der Stirn und des Kieferknochens “irreparabel” zerstört wurden.

Bei meinem ersten Besuch im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz war Igor verständlicherweise sehr zurückhaltend und ängstlich, da er ja eigentlich gegen den Maidan hatte kämpfen müssen und insofern ein “Außenseiter” in der Gruppe der Patienten war, als ich mich als Mitarbeiter bei der Initiative Euromaidan NRW vorstellte. Da Igor sehr gut englisch spricht, waren diese Zweifel aber leicht zu zerstreuen, denn für mich ist ein Opfer selbstverständlich ohne Ansehen eventuell vorhandener politischer Auffassungen unserer Zuwendung bedürftig. Ich erklärte ihm meine persönliche Motivation, erzählte ihm viel von Amnesty International und den Menschenrechten im Allgemeinen und im besonderen Fall der Ukraine und fand in ihm einen aufmerksamen Zuhörer, der mir in vielem, wenn nicht allem zustimmte. Bei späteren Besuchen in Koblenz führten wir weitere interessante und zum Teil lange Gespräche (obwohl die maximale Besuchszeit in den “Einzelzellen” der Patienten offiziell 20 Minuten war), und kurz vor seiner Heimreise machten wir auch einen Ausflug nach Braubach mit Besichtigung der Marksburg:

Igor am 30.4.2014 an der Marksburg
Igor am 30.4.2014 an der Marksburg

Igor geht es heute gut, seine Einheit, die ja inzwischen in die reguläre ukrainische Armee integriert wurde (seine ehemaligen Kameraden kämpfen heute in der ATO), hat ihn vor vor fast einem Jahr entlassen, er war zunächst einige Monate arbeitslos bis er eine Stelle als Mitarbeiter einer IT-Abteilung bei einem Verwaltungsgericht in Charkiw fand, die ihn auch ausfüllt. Sein Gehalt ist zwar bescheiden, aber zusammen mit der Versehrtenrente hat er nach ukrainischen Verhältnissen ein mittelmäßiges regelmäßiges Einkommen.

Seine gesundheitliche Situation lässt noch ein wenig zu wünschen übrig, die Wunde nässt nach wie vor und muss wöchentlich im Militärkrankenhaus behandelt werden, aber wenigstens muss er dies nicht bezahlen, das Innenministerium kommt dafür auf. Insgesamt macht er den Eindruck, dass er sich mit seinem Schicksal und seiner Verwundung abgefunden hat, er wohnt gemeinsam mit seiner Mutter in einer eigenen Wohnung und kann sich auch mal leisten, mit Freunden auszugehen (was bei den Restaurantpreisen im Vergleich zum Einkommen rein rechnerisch eigentlich überhaupt nicht geht: Ich habe an dem Abend in einem “Irish Pub” am Freiheitsplatz in Charkiw für zwei Abendessen und ein paar Bier sowie Snacks 700 UAH bezahlt, seine Rente und Gehalt zusammen beläuft sich aber gerade mal auf das Fünffache). Wir verbrachten mit ihm und zwei Freunden von ihm einen sehr netten Abend – die Freude des Wiedersehens lag wirklich auf beiden Seiten, und ich hoffe, dass er im Laufe des kommenden Jahres mal nach Deutschland kommen kann.


Bei einem Zwischenaufenthalt in Kyiw trafen wir dann auch noch Roman Lyndow, der am 18. Februar 2014 auf dem Unabhängigkeitsplatz von der Explosion einer Granate zu Boden geworfen und unmittelbar darauf von einer zweiten Granate getroffen wurde und dabei allerschwerste Brandverletzungen erlitt. Wenn man ehrlich ist, hat Roman diese hochgradigen Brandverletzungen fast am ganzen Körper, besonders aber an den Armen, im Brustbereich und am Kopf nur aufgrund seiner außergewöhnlich guten Kondition als Extremsportler überlebt, er und sein Zwillingsbruder Artjom betrieben schon vor dem Maidan allerlei Sportarten, u.a. joggten (oder besser rannten) sie täglich fünf Kilometer zum Dnipro und schwammen dann eine längere Strecke – und zwar unabhängig von der Witterung (das hatte mir Artjom in Koblenz schon erzählt).

Roman und Artjom waren beim Maidan ohne politische Affiliation, im Grunde wurden sie als Mitglieder der Sportgruppe von Dynamo Kyiw zu Maidan-Selbstverteidigern.

Artjom war mehrere Monate ebenfalls in Koblenz und assistierte seinem Bruder bei der Genesung, denn Roman war damals nicht in der Lage, sich überhaupt zu bewegen, und musste “gefüttert” werden, ihm mussten immer wieder Getränke angereicht werden usw.

Roman war damals bei meinem ersten Besuch im Grunde ein Fleischbündel (sorry für den Ausdruck, aber mir fällt nichts anderes als Beschreibung ein) mit Augen und einem zum Scherzen aufgelegten Mund. Beide Brüder sprechen gut Englisch, so dass eine Unterhaltung ohne Übersetzer möglich war (In die Quarantänezimmer im Krankenhaus durfte man jeweils nur alleine). Nach mehreren Monaten auf der Intesivstation, zig (bestimmt mehr als zehn) Hauttransplationen – ich erinnere mich daran, dass die Ärzte sagten, sie würden gerne noch weiter transplantieren, aber es gab nicht genügend unversehrte Körperfläche, die man hätte transplantieren können – verheilten die vielfachen und großflächigen Hautverletzungen nach und nach, nur die linke Hand fehlt und war auch nicht mehr wiederherstellbar.

Den letzten Monat in Koblenz verbrachte Roman alleine, Artjom musste etwas früher zurück, aber zu dem Zeitpunkt konnte Roman sich auch schon alleine anziehen (er hatte Spezialtextilien mit Silberanteil, die die verheilende transplanierte Haut schonte). Kurz vor seiner Abreise aus Koblenz in eine Reha-Einrichtung bei Wismar machten wir damals auch noch einen Ausflug nach Maria Laach und ins Brohltal zur Burg Olbrück, leider regnete es damals ziemlich stark, so dass wir auf Erinnerungsfotos verzichteten.

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Bei unserem Treffen in Kyiw traf ich nun einen humorvollen jungen Mann wieder, dessen Hautverletzungen relativ gut verheilt sind, er weiß auch, dass die menschliche Haut sich alle fünf Jahre komplett erneuert, davon sind zwei schon vergangen, man kann also davon ausgehen, dass er in drei Jahren “wieder aussieht wie früher”.

Er hat zwei Prothesen, eine sogenannte Sportprothese (mit Schultergurt), mit der er – wie er uns voller Stolz auf dem Handy zeigte – bereits Gewichtheben ausüben kann (wahrscheinlich sind da bedeutend mehr Kilogramm darauf als ich sie hochbrächte), die ist also super! Die andere sogenannte Alltagsprothese muss derzeit gerade neu angepasst werden, da sie genau auf das Körpergewicht eingestellt sein muss, und er hatte gerade ein paar Kilo zugenommen (was ihm durchaus gut steht).

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Beide arbeiten wieder in ihrem “alten Beruf”, sie sind Sportlehrer bzw. Trainer für Jugendgruppen des Bataillons Asow. Dort leiten sie Jugendliche in allerlei verschiedenen Sportarten an, darunter auch Kampfsport – seiner Aussage nach geschieht das nicht mit der Absicht, diese Jugendlichen für das Bataillon zu rekrutieren sondern sie in erster Linie körperlich fit zu machen und “von der Straße wegzuholen”.

Auch Roman macht – zumindest nach außen – einen insgesamt zufriedenen Eindruck, er hat sich mit seiner Behinderung abgefunden und macht das Beste daraus. Finanziell geht es beiden – nach ukrainischen Verhältnissen – nicht schlecht, sie waren gerade von einer längeren Gruppenreise nach Portugal und Italien zurückgekehrt, sie hatten in Porto und Neapel jeweils Auswärtsspiele von Dynamo Kyiw besucht und an beiden Orten noch ein paar Tage drangehängt. Das Wiedersehen mit Roman hat mich sehr gefreut – und besonders die Tatsache, dass es ihm gut geht und er mit seinem Leben, so wie es ist, zufrieden erscheint.


Wir danken hier allen für die damalige Unterstützung und hoffen auch auf weitere Spenden.

Spendenzahlungen bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

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oder per Banküberweisung – Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck: Ukraine allgemein

Herzlichst

Klaus H. Walter und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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