Spendenübergabe an Witwe Oksana und ihre Tochter Oleksandra am 9.10.2015 Schytomyr, Bericht: 55/2015

Es kommt öfters vor, dass wenn wir in der Ukraine ankommen Hilferufe, Informationen über einen neuen Fall, eine neue Witwe kommen oder noch ein Patriot der Ukraine stirbt in diesem Krieg – ja, Krieg, und nicht ATO, wie viele es nennen. Jeden Tag sterben ukrainische Soldaten in der Ukraine, und so war es dieses Mal auch.

Es ist schon dunkel draußen; wir fahren hin und her und können das Haus der Witwe Oksana nicht finden. Wir telefonieren mit dem Bruder des verstorbenen Soldaten, und er hilft uns schließlich, findig zu werden. Er steht bereits draußen vor dem Haus und wartet auf uns.

Wir werden hinein gebeten, und dann treffe ich die junge Witwe, ihre Tochter und die Mutter des verstorbenen Soldaten der Ukraine.

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Oksana ist 31 Jahre alt, eine sehr schlanke junge Frau, die sehr mitgenommen aussieht. Sie hat Schmerzen, nicht nur seelische, ihr geht es wirklich schlecht. Ohne dass es uns bewusst war, treffen wir sie genau sieben Tage, nachdem sie ihren geliebten Mann beerdigt hat… Die Beerdigung fand am 02.10.2015 statt… Es ist eine schwierige Situation, für sie und genau so für mich. Also heißt es Zusammenreißen und ganz vorsichtig sein beim Gespräch.

Ich stelle mich erst mal vor und bekomme viele Fragen gestellt, sowohl von der Witwe als auch von ihrem Schwager. Wie bei anderen Witwen werden wir hier gefragt, warum und weshalb man das tut und wie man im weit entfernten Deutschland dazu kommt, der Ukraine helfen zu wollen. Nachdem alle Fragen ausführlich beantwortet wurden, äußere ich mich auch und zeige mein Interesse an der Familie und dass ich sie gerne näher kennenlernen möchte. Die Witwe Oksana und ich setzen uns an den Tisch und kommen ganz leicht ins Gespräch.

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Oksana ist sehr offen mit mir und erzählt viel über ihren Mann, über das Leben mit ihm und wie er als Mensch war. Aleksej und Oksana haben sich vor zehn Jahren kennengelernt. Sie fuhr an dem Tag mit dem Bus und hat ihn gesehen, aus irgendeinem Grund kamen sie ins Gespräch, und als sie ihn anschaute, verstand sie: „Das ist mein Mann, das ist mein Glück, er ist mein zukünftiges Leben! Ich habe mich auf dem ersten Blick in ihn verliebt!“

Aus dieser Liebe entsprang ein kleines Mädchen Namens Oleksandra, die mittlerweile acht Jahre alt ist und die 3. Klasse besucht. Oleksandra ist ein sehr aufgewecktes Kind, sie spricht auch mit mir und erzählt sehr offen über die Schule, was sie daran mag und was nicht. Eigentlich mag sie die Schule nicht, wie viele Kinder in ihrem Alter. Nach dem ich ihr eine Haribo-Tüte überreicht hatte, geht sie mit ihrer Cousine ins Nebenzimmer und lässt uns Erwachsene allein.

Ein süßes, hübsches Mädchen, das noch nicht wahrnimmt, dass ihr Papa nicht mehr nach Hause kommt… Oleksandra spricht noch mit ihm und hofft, dass er sie hört und vorbeikommt und ihr hilft. Öfters hört Oksana, wie sie in ihrem Zimmer sitzt und weint und sagt:“ Papa, sie zwingen mich, Hausaufgaben zu machen!“ oder auch „Papa, du hast mir versprochen, dass du zurück kommst!!!“

Oksana redet sehr liebevoll über ihren Mann. „Aleksej war ein Soldat mit Herz und Seele, er gehörte zu unserer 95 Brigade. 14 Jahre hat er der Ukraine gedient. Er war von Anfang an dabei. Zwischendurch kam er für einen kurzen Urlaub nach Hause und verwöhnte seine Familie, wo er nur konnte.”

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Am 30.09.2015 um 18:30 hörte sein Herz auf zu schlagen. Er war in Kramatorsk stationiert, sie hatten einen Auftrag bekommen, und er warnte seine Frau vor, dass sie ihn drei Tage lang nicht hören wird. Nach drei Tagen rief er sie an und sagte, dass alles ok sei, er sei zurück und ihm gehe es gut. Er legte sich schlafen und stand nicht mehr auf.“ Was seine Einheit in diesen drei Tagen erlebt hat, weiß Oksana bis heute nicht, keiner will ihr darauf eine Antwort geben. Aber nach dieser Auftrag starb ihr Mann. Sein Gehirn war angeschwollen, und die Halsschlagader war geplatzt. Oksana stellt überall, wo sie nur kann, Fragen, um Antworten zu bekommen. Eine ihrer Fragen „Wie ist es dazu gekommen?“ bleibt leider unbeantwortet…

„Mein Mann war ein sehr treuer Mensch, er kümmerte sich sehr liebevoll um uns. Unsere Tochter war sein Ein und Alles, einfach der wichtigste Mensch auf der ganzen Welt. Ich habe nur positive Erinnerungen an ihn. Ich brauche niemanden, ich brauche nur ihn und seine Liebe!“ Und dabei bricht sie in Tränen aus. Wir sitzen in Totenstille, und ich traue mich, ihre Hand zu nehmen, um sie einfach festzuhalten. Seit Aleksej in den Krieg einberufen wurde und sich dort befand, sprach er nicht über das, was dort passiert ist und was er da jeden Tag erleben musste. Er sagte immer mit sanfter Stimme zu seiner Frau: „Du brauchst das alles nicht wissen, schlaf ruhig. Alles ist gut, mach dir bitte keine Sorgen. Bitte sorge dich nicht um mich, schaue bitte, dass es euch gut geht, kauf dir und unserer Tochter, was ihr braucht. Ihr solltet euch gut ernähren, damit ihr gesund bleibt.“

Oksana und Oleksandra haben keine eigene Wohnung, mit ihrer Familie lebten sie bei ihrer Schwiegermutter, die ein ihr gehörendes Haus hat. Oksana ist eine sehr zurückhaltende Person, sie mag keinen Streit und äußert ihre Wünsche oder Gedanken nur sehr leise. Oleg Boyko versprach ihr, dass er sich darum kümmern wird, dass sie einen Antrag auf eine eigene Wohnung stellen kann. Ich hoffe, dass es klappt und dass die beiden doch etwas Eigenes bekommen! Wir erzählten ihr von der Kleiderkammer und dass sie doch bitte vorbeikommen und sich die Sachen anschauen soll, vielleicht wird ihr etwas gefallen. Sie antwortete nur ganz leise, dass sie mal schaut und vielleicht vorbeikommt. Ich möchte diese junge Frau nicht länger stören, daher gehe ich zur Geldübergabe weiter.

Ich überreiche Oksana einen Betrag in Höhe von 300,00 € und erkläre ihr auch, dass das Geld für Oleksandra bestimmt ist und dass kein anderer Mensch darauf Anspruch hat. Sie bedankt sich ganz herzlich für Eure Geldspende und Hilfe. Wir verabschieden uns und verlassen die Familie.

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Als wir im Auto unter uns sitzen, wende ich mich an Oleg und sage, dass ich Morgen früh gerne die Kleiderkammer aufsuchen möchte, um Anziehsachen für die Familie auszusuchen. Denn nach zwei Stunden Gespräch mit Oksana wusste ich, dass diese Frau nicht zur Kleiderkammer gehen wird, sie wird sich schämen. Der Fahrer Aleksandr, der uns auch begleitet hat, gibt mir Recht, und somit ist die Entscheidung gefallen.

Am nächsten Tag (10.10.2015) holt Aleksandr mich vom Hotel ab und bringt mich zur Kleiderkammer, Oleg befindet sich schon dort. Nach einer Stunde habe ich zwei riesige blaue Säcke mit Sachen voll, Jacken, Pullover, Hausanzüge, Kleider und etc. sind darin. Oleg fragt, ob ich mir mit den Größen sicher bin, da bin ich mir sogar ganz sicher, sie ist ca 1,65 groß und wiegt ca. 47 kg, sagte ich. “Mal sehn,” sagt Oleg und lächelt mich an. Ich nehme noch eine Schultasche mit und lege es alles auf die Seite.

Es ist schon wieder dunkel draußen, wir waren noch bei einer anderen Witwe, und das Kinderheim „Denyschi“ haben wir an diesem Tag auch noch besucht. Oksana wartet auf uns, und als sie sieht, was wir mitgebracht haben, freut sie sich sehr über die Sachen. Wir schauen gemeinsam alles durch, und die Sachen gefielen und passten ihr und ihrer Tochter.

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Sie freute sich über die neue Schultasche für ihre Tochter, denn das Kind hat ständig Rückenschmerzen. Die Tasche war genau für ihren Rücken geeignet. Mit einem guten Gefühl verlasse ich diese Familie. Oksana begleitet uns nach draußen, wo sie mich zum Abschied ganz herzlich umarmt und bittet, ihren Dank im weit entfernten Deutschland zu verbreiten!

Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung:
Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Noelie Uhlmann und das Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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