Mariana Sadovska: Bericht über meine Reise nach Mariupol – August 2015 – Teil 3

iryna
Iryna Krjutschenko

Noch ein Tag: Heute fahren wir nach Wolnowacha. Der kleine Stadt, in der ich schon beim letzen Mal war. Dort gibt es nämlich eine besondere Gesangsgruppe: Iryna Krjutschenko, Tierärztin von Beruf, hat hier in der Region rituelle Texte und Gesänge gesammelt und leitet ein Musik-Ensemble. Ich bin sehr viel durch die Ukraine gereist mit meiner ethnographischen Forschung, aber dies ist das erste Mal, dass ich auf ein Ensemble treffe, in dem die Tradition ohne Unterbrechung überlebt hat. In „Sagrajarotschka“ – ein altes Wort für den Monat März – singen Omas, und Enkelinnen, Töchter und Söhne, Ehemänner und Ehefrauen. Es war etwa 70 Teilnehmer. Jetzt sind viele vor dem Krieg geflohen. Sie singen alte traditionelle Lieder, stolz zeigen uns ein Heft, in dem handschriftlich ganze Rituale aufgeschrieben wurden. Sie begrüßen uns mit einem Korovai– einem Hochzei-t oder Festbrot, wir singen für sie ein weiteres Mal… Mein Traum ist jetzt, dass diese Gruppe in der Ukraine und hier in Deutschland auftritt… Das ist eine absolut einzigartige Perle! Eine Perle des Donbas.

Jpeg

Beim Abschied gibt es Tränen. Die älteren Frauen weinen, aus Angst, hier zu bleiben, aus Müdigkeit: Die Jüngeren versuchen sie durch Witz zu beruhigen…

Wir finden keine Worte, „Alles wird gut“ zu sagen, klingt nicht passend, klingt irgendwie doof…

An diesem Abend hatten wir noch einen Open Air Auftritt in einem Park in Mariupol. Während dieser zwei Tage haben wir mit Julian einen HIT entwickelt -wir singen „Summer time“ und ein ukrainisches Wiegenlied, das total ähnlich klingt, und der Legende nach hat Gershwin das Lied einmal bei einem Konzert in New York gehört, gesungen von einem ukrainischem Chor…, und das hat ihm inspiriert. Die Legende soll Legende bleiben, beide Lieder machen Spaß sie zu singen…

Nach dem Konzert beim informellen Beisammensein meint eine ältere Dame aus der griechischen Gemeinde, ich müsss unbedingt zurückkommen, es gebe eine Menge griechischer Folklore aus dieser Region, die ich kennenlernen muss… Junge Journalisten, Künstler, Soldaten, Mitarbeiter der Stiftung – Wir sitzen noch lange in der Nacht zusammen, singen, lachen, erzählen, prosten und zu – natürlich Trinksprüche für den Frieden- und für die Rückkehr nach Hause, ins geliebte Donezk…

Diana streichelt ihre Donezker Wohnungsschlüssel…

Es gibt noch so viel zu erzählen..

Wir sind um 10 Uhr morgen aus Mariupol losgefahren nach Cherson, im Süden der Ukraine.

Um 15 Uhr nachmittags – haben sie angefangen, die Stadtgrenze des Mariupol zu bombardieren: Mit Artillerie, die durch das Minsker Abkommen verboten ist. Die Stadt Sartana – wo ich beim vorletzten Mal war. Mascha, Margarita, Kostja und Bohdan sind noch in der Nacht und die nächsten Tage hingefahren… Als freiwillige Helfer, um erste Hilfe anzubieten, bei Aufräumarbeiten, mit psychologischer Hilfe…

Die Dörfer Tschermalyk , Hranitne … sind unter Beschuss… Kostja sucht weiter nach Geldern, um die Kinder noch länger im Pensionat zu lassen…

Auf ein mal kurz vor der Einschulung am 1 September, verbreiteten sich Gerüchte, dass es Provokationen gibt. Ich wurde gebeten, das weiterzuleiten, damit die Leute im Westen das erfahren… Ich habe es gemacht… Eine Frau aus Mariupol reagierte auf mein Posting auf Facebook mit solchen Worten:

„Seit einem Jahr leben wir in Erwartung eines Angriffs… Letztes Jahr habe ich meine Kinder nicht in die Schule gelassen. Nicht am dem 1 September, den ganzen Monat nicht… Aber weißt du was? Wir sind müde, Angst zu haben… Ich gehe mit den Kindern zur Einschulung. Wenn was passiert, dann werde ich dabei…

Am 1 September ist alles ruhig geblieben.

Es muss ein Ende gefunden werden!

Dieser Tage hat Mariupol den „Tag der Stadt“ gefeiert, mit Konzerten und Festivals. Der Stadt, die Ukraine, will sich durchsetzen, gegen den Krieg, mit Liebe, mit Zusammensein, wer, wenn nicht wir?

Mariupol der tag der Stadt 2015

[Teil 1 des Berichts findet sich hier, und Teil 2 hier]

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