Mariana Sadovska: Bericht über meine Reise nach Mariupol – August 2015 – Teil 2

Am nächsten Morgen fing unser Tag um 10 Uhr an mit einem Fernsehinterview. Na klaro, die Stadt muss das wissen.

Tatjana Lomakina
Tatjana Lomakina
Uljana Tokarjewa
Uljana Tokarjewa

Danach um 11 warteten auf uns Flüchtlingskinder aus verschiedenen Städten (Donezk, Luhansk, Horliwka, Schyrokine, …). Der Workshop fand in einem Sozialzentum statt, im Sozialamt von Mariupol, und gerade die Leiterin Tatjana Lomakina und Uljana Tokarjewa machen hier eine wundervolle Arbeit. Eine titanische Arbeit. Mit einem derart niedrigen Monatslohn, dass ich denke, man müsste auch denen humanitäre Hilfe bringen.

Hier trafen wir Mascha, eine junge Künstlerin aus Donezk, die gerade zwischen Mariupol und Kyiw pendelt. Als Volontärin versucht sie sich selber eine Art-Therapie und psychologische Beratung zu verschaffen. Mascha erzählte mir, wie sie gerade versucht durch Schreiben von Gedichten und Prosa, sich selber zu helfen und zurechtzukommen.

Nach eineinhalb Stunden Vorbereitung machen wir eine improvisierte Präsentation über unsere Workshops.

Eine Gruppe präsentierte sich mit Bildern- Porträts von Menschen einer glücklichen Stadt.

happy cityDie Jungs mit Julian spielten eine freie Improvisation auf dem gerade entdeckten Instrument.

Julian

Die Theater-Ensemble der Kleinsten (zwischen 4-6 Jahren) lud uns ein in einen fantastischen Wald mit vielen Tieren…

JpegUnd am Ende gab es „Das Erwachen des Frühlings“ – eine Improvisation auf Basis der traditionellen Frühlingsrufe.

Ich kann nicht die Gedanken wegschieben – „Wir sind zu kurz hier… man muss hier bleiben… man muss weiter bei diesen Kinder sein.“


Aber wir müssen los, weil in der kleinen Stadt Ursuf [Урзуф], ca. 30 min. Autofahrt, auf uns 103 Kinder aus dem griechischen Dorf Tschermalyk [Чермалик] bei Hranitne [Гранітне] warten. Die Stiftung zur Entwicklung der Asow-Region (die sich um uns hier kümmert), hat das Geld aufgetrieben, um die Kinder hier für einen Monat zu „parken“.

Es ist eine Pension am Asowschen Meer. Es ist unglaublich hier. Sonne, Wasser… Das baufällige Pensionat ist … leer …- wie in einem Horrortraum… Solche Strände sind jetzt überfüllt irgendwo in einer normalem Welt, aber wir haben keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Kinder und Jugendlichen kommen.

Strand bei Mariupol
Strand in Ursuf bei Mariupol

Es wird schwieriger. Die Gruppe ist riesig. Zuerst machen wir ein kleines Konzert mit Julian, dann teilen wir wieder die Kinder auf. Kateryna bekommt eine Gruppe mit über 30 Kindern. Es fehlt uns an Papier, Pinseln und Farben…

Jpeg

Joanna geht mit den Kindern aus Tschermalyk – diesmal werden diese ein Improvisationstheater machen, die Kinder stellen ein Fernsehinterview mit hohen Politikern oder mit Bewohnern der okkupierten Regionen nach. Es ist sehr lustig. Diese Kinder können schon lachen … aus dem Krieg … lachen… ihn auslachen…

Jpeg

Julian hat diesmal zwei Besetzungen! Eine Einleitung (Introduktion) in eine uralte Weise (Traktion) und in eine neue Musik. 2 in 1.

Jpeg

Ich singe mit einer Gruppe von Mädchen. Die haben alle klare und starke Stimmen… Es geht einfach und schnell. Von ein paar Metern Entfernung beobachtet uns ein 17-jähriger Junge. Er sagt nichts. Kommt nicht näher… Er beobachtet uns einfach ganz aufmerksam. Irgendwann fange ich an, ihnen Body-Percussion beizubringen. Ich improvisiere natürlich, aber es gibt mir eine Möglichkeit, den Jungen herzulocken – du, wir brauchen gerade einen Schlagzeuger. Langsam, wie ein verängstigtes Tier, vorsichtig und bereit in jedem Moment wegzurennen , kommt er näher… fängt an mitzumachen…Die Mädels singen, und ich fange an zu rappen. Ich kann das eigentlich nicht, aber ich versuche etwas zu machen, was der Junge eventuell erkennen wird. Er lächelt, er ist erstaunt: „Das kann nicht wahr sein“, sagte er, kommt ganz nah, macht mit…

Jpeg

Nach den ganzen „Präsentationen“ kam die Leiterin dieses Kamps zu mir, sie konnte nicht aufhören zu weinen… Sie meinte, dass der Junge der schwierigste Fall war, nicht ansprechbar, er redete einfach nicht, er schwieg… Mann wusste nicht, was man ihm anbieten kann – und wie…

wieder diese Gedanke wir müssen hier bleiben. Länger…Mensch….es ist zu kurz…..

Dieser Gedanke tut weh…

Eine andere Begleiterin der Kinder, eine Aktivistin der griechische Gemeinde, hat im letzen Jahr eine Menschenkette organisiert. Als die russische Armee Nowoasowsk besetzt hatte, sind die Bewohner von Mariupol an die Stadtgrenze gegangen, haben Schützengräben ausgehoben und eine menschliche Kette gebildet, um die Stadt zu verteidigen…


Aber, wir fahren wieder los. Wir wurden gefragt, für die Soldaten des Bataillons Asow aufzutreten. Ich habe vor einem Jahr für sie gesungen – damals waren sie gerade aus der Hölle des Kessels von Ilowajsk zurückgekehrt. Müde, ohne Schuhe und in improvisierte Klamotten. Jetzt sind sie in einem ehemaligen Pensionat für die Partei der Regionen (der Janukowytsch-Partei) stationiert. Auch am Asowschen Meer. Wir singen für sie in der Kantine. Es ist nur wenige Soldaten da- wegen des Minsker Abkommens sind die meisten weg – bei der Reha, wurden ausgewechselt oder bei Schulungen. Es sind hier nur ein paar Neulinge, tolle neue Uniformen, Schuhe, eine Kantine, sie sehen so aus, wie aus Bildern oder Kriegsfilmen… Es ist eine Armee, keine Improvisation mehr… .

Wir sollten etwa 30 Minuten singen, aber die Jungs halten uns 2,5 Stunden lang fest. Sie wollen mehr, sie stellen uns Fragen über Amerika, über Europa, über das Leben da und was die Menschen da denken…

Ich habe immer ein komisches Gefühl mit dem Bataillon Asow wegen der Verbindung mit Anführern der rechten Szene, Nazi-Symbolik etc. Wenn ich darüber in Mariupol rede, sagen mir alle, ohne Asow wäre Mariupol längst besetzt. Dass diese Jungs die einzigen waren, die die Stadt verteidigt haben. Trotzdem ist es nicht einfach.

Ich weiß, dieser Krieg – wie jeder Krieg – fügt uns eine riesige neue Wunde zu und bereitet ein schweres Problem. Es werden sehr viele Männer zurückkommen mit schlimmen Erfahrungen und … mit Waffen… Und die sind leicht manipulierbar… Ich habe Angst darüber nachzudenken…

Es wird wieder ca 11 Uhr, bis wir im Hotel in Mariupol ankommen.

(wird fortgesetzt, Teil 1 hier)

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