Mariana Sadovska: Bericht über meine Reise nach Mariupol – August 2015 – Teil 1

Dieses Mal bin ich in die Ukraine gefahren, um an einer Sommerschule für junge Theatermacher teilzunehmen. Es waren 20 junge Dramatiker und Regisseure eingeladen, aus der ganzen Ukraine, auch die , die als Inlandsflüchtlinge aus der besetzen Krim in Kyiw leben, oder auch aus dem okkupierten Luhansk. Organisiert wurde diese Sommerschule von der polnische Initiative East European Performing Arts Platform – EEPAP. Die haben sozusagen meine Reise bezahlt – deshalb könnte ich überhaupt in die Ukraine.

Diesmal waren Kinder mein Ziel. Es ist klar, dass es in der Ukraine jetzt eigentlich einen riesigen Bedarf für psychologische Betreuung gibt, weil eine unglaublich große Zahl von Menschen nach den schlimmen Kriegserfahrungen Beratung, Betreuung und Hilfe brauchen – und gerade Kinder.

Am 5. August sind wir in Kyiw in den Zug nach Saporischschja eingestiegen – zusammen mit

nemyraKateryna Nemyra, Künstlerin und Schriftstellerin aus Lwiw (Lemberg), die die Malworkshops leiten wird (und auch meine Mutter ist);

joannaJoanna Wichowska, Theaterwissenschaftlerin aus Warschau, die für EEPAP arbeitet, sie wird an den verschiedenen Stationen Theaterworkshops anbieten;

julianJulian Kytasty, Musiker aus New York, der die uralten ikrainischen Instrumente Bandura und Kobsa spielt und gerade an einem Projekt mit Krimtataren in der Ukraine teilgenommen hatte. Er wird mit Kindern neue Musik auf der Bandura improvisieren.

bohdanBohdan Tschaban fährt als Begleitung mit uns, ein 21 Jahre junger Café-Besitzer aus Donezk. Sein Traum war und ist eine Cafeteria, er kann über verschiedene Kaffee-Geschmacksrichtungen reden, wie über unsere Geliebten, aber seit mehr als einem Jahr ist er Soldat, er hat Ilowajsk überlebt, kämpfte beim Flughafen in Donezk, in Debalzewe . Und hier – Achtung – willkommen in der Absurdität des Krieges – gerade jetzt versuchen sie ihm ein Gerichtsverfahren anzuhängen … Ja…so etwas passiert gerade ganz offen. „Störende“ Menschen werden eliminiert. Man darf nicht vergessen, der Krieg ist ein super Geschäft: Schmuggel, Drogenhandel, darüber höre ich überall … In Mariupol, in Kyiw, in Cherson – überall gibt es Kräfte, denen der Krieg lukrative Möglichkeiten bietet … Und störende Menschen – Aktivisten, Freiwillige, Soldaten, kann man ja leicht eliminieren. Zum Beispiel mit krimineller Verwahrung…nicht Neues, leider…

Neulich stand u.a. im Kölner Stadtanzeiger ein Artikel über Bohdan
(Link zum online verfügbaren Artikel in der Südwestpresse Ulm) des renommierten Journalisten Stefan Scholl.

Am 23. September hat er eine neue wunderschöne Aktion in Mariupol initiiert: Am Samstag, den 26 September wird in Rahmen der Aktion „Mach deine Stadt sauberer“ die Ruine der Synagoge im Zentrum von Mariupol aufgeräumt und von Müll befreit! Wie Bohdan offen sagt: “Wer, wenn nicht wir?“

synagoge

Aber zurück zu damals!

Vor uns lagen etwa sechs Stunden Zugfahrt und danach noch vier Stunden in einem Auto – durch die unglaubliche Steppenlandschaft der Region Asow. Julian war überglücklich, endlich die Natur zu sehen, über die er immer singt (in seinem Sagenrepertoire aus dem 17. und 18. Jahrhundert werden häufig die Steppen besungen).

Und so sind wir gegen 18 Uhr gelandet bei der Marineabteitlung im Städtchen Manhusch bei Mariupol. Hier sind die Soldaten und Offiziere aus der Krim stationiert, die nicht auf der Seite der Besatzer geblieben sind. Und sind sie gerade neu hierher verlegt worden zur Überwachung des Dorfs Schyrokine – das Dorf ist komplett zerstört, hier ist in Moment die Frontlinie, knapp 20 km von Mariupol entfernt).

Nach unserem Konzert hatten wir sogar die Möglichkeit, das Abendessen der regulären ukrainischen Armee auszuprobieren. Die Soldaten halfen uns beim Händewaschen: „Hygiene muss sein, obwohl das fließende Wasser fehlt – auch auf dem Klo,“ entschuldigten sich die Soldaten (unter ihnen gibt es auch Frauen…) Als erster Gang kam ein komischer grauer Brei mit fettigen Stücken, die ein bisschen an Fleisch erinnern, für den zweiten Gang dann nochmals ein Brei, zum Nachtisch Kompott und Kekse… Die Soldaten kochen sich selber, stolz stellten sie uns dem Koch vor…(Meine Mutter hat mit Hilfe von Freiwilligen aus Charkiw gerade einen Transport mit Trockensuppen, Säften und Süßigkeiten an die Soldaten geschickt).

Als wir in Mariupol ankamen, war es bereits 11 Uhr abends.

(wird fortgesetzt)

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