Spendenübergabe an die Witwe Tanja U. bei Kiyw, 6. Juli 2015 – Bericht 33

Der Tag wurde immer heißer, der Weg (Landstraße möchte ich das nicht nennen) in das Dorf, in dem Tanja wohnt, war trotz der relativen Nähe zur Hauptstadt schon “landestypisch” mit Schlaglöchern übersät. Völlig überraschend stand zwischen den Ortschaften plötzlich ein “Märchenschloss” im Neuschwanstein-Stil mitten auf dem freien Feld – ein Hotel mit dem Namen “Zoopark 12 Monate” (nach dem russischen Märchen “Von den zwölf Monaten” benannt).

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Das Dorf selbst besteht aus ca. 4,5 Kilometern “Straße”, beidseitig locker bebaut, dahinter Felder. Sonst nichts, kein Laden, kein Restaurant, außer zwei kleinen Kirchlein und einem Buswartehäuschen fiel uns kein “öffentliches” Gebäude auf. (Hinterher haben wir rausgefunden, dass es hinter den Bäumen eine Schule sowie in der früheren Kolchose eine Groß-Hühnerzuchtanlage gibt – dort war übrigens auch der gefallene Soldat beschäftigt gewesen.)

Immerhin kannte google.maps den Namen der Hauptstraße, dennoch hatten wir zuerst an einem falschen Haus gerufen (Klingel gab’s nicht – dafür einen Wachhund), das war aber noch die Lenin-Str. und nicht die gesuchte Lesja-Ukrainka-Straße (Genau in der Mitte des Dorfes ändert sich die Straßenbezeichnung).

Endlich das Haus von Tanja gefunden, traten wir durch ein Hoftor aus Blech ein und standen in einem grasüberwachsenen Hof mit einem alten Lada links, geradeaus einem Schuppen und einem Brunnen sowie rechts einer Holzhütte, wenn auch mit einer Veranda aus Stein – das war das Wohnhaus. Das “Haus” ist 101 Jahre alt, das Holz z.T. morsch, das Dach ist zwar renoviert, aber die “Außenisolierung” lässt sehr zu wünschen übrig. Geheizt wird mit einem Bollerofen mit Holzbefeuerung.

Im Spendenaufruf für Tanja und ihre beiden Töchter heißt es:

Tanja ist erst 28, und schon ist sie Witwe. Ihr Mann Alexander (31) war ab dem 31. März 2014 in der ATO-Zone – in der 72. Brigade – bis zum Tag seines Todes am 29. August 2014. Er starb durch den Schuss eines Scharfschützen, der in der Nähe des Ortes Wolnowacha im Donezker Gebiet im Gebüsch verborgen war. Eine Möglichkeit zu überleben gab es nicht, da der Heckenschütze offensichtlich genau wusste, wie er diesem Mann mit nur einem Schuss das Leben entziehen konnte.

Tanja kümmert sich um die gemeinsamen Kinder. Sie hat zwei Töchter, Hanna (8) und Daria (4)…

Ja, und jetzt standen die drei vor uns. Die hübsche junge Witwe bat uns hinein, zunächst kommt man durch eine Art Veranda, dort werden Mäntel, Schuhe u.ä. abgestellt, dann weiter in eine kleine Küche (da das Haus weder Gas- noch Wasseranschluss hat, gibt es auch kein richtiges Spülbecken und keinen “normalen” Herd sondern nur Elektroplatten und auf Regalen aufgeschichtetes Geschirr und Töpfe – alles sauber aber erkennbar ärmlich).

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Dann weiter in einen Vorraum mit einem kleinen Esstisch, an dem wir Platz nahmen. Die beiden Mädchen sind richtig lieb, sie beschäftigen sich viel mit der Hauskatze mit zwei kleinen Kätzchen. Nebenan gab es noch ein Schlafzimmer mit Schlafcouchen und kleinen Schränken sowie ein ganz kleine Schlafecke mit Schreibtisch und PC – alles sehr beengt.

Tanja erzählt ein wenig über ihr Leben, seit ihr Mann im vergangenen August bei Wolnowacha im Krieg gefallen ist. Sie arbeitet im örtlichen Kindergarten als “Krankenschwester-Kindergärtnerin”, denn sie hat eine abgeschlossene Ausbildung als Zahnarzthelferin – bekommt dafür allerdings nur den Mindestlohn von 1500.- Hrywnja – nach derzeitigem Kurs ca. 60.- Euro pro Monat. Einen Zahnarzt gibt es nicht im Dorf, deswegen kann sie auch nicht ihren erlernten Beruf ausüben.

Hanna geht in die Schule des Dorfes und hat die beiden ersten Klassen mit gutem Erfolg durchlaufen, sie kommt nach den Ferien in die 3. Klasse. Dascha geht in den Kindergarten, in dem auch ihre Mutter arbeitet.

Leider sind die Schwiegereltern als Eigentümer des Hauses eingetragen, so dass Tanja befürchtet, von dort vertrieben zu werden, auch der Bruder des Gefallenen erhebt Ansprüche, z.B. auf das schrottreife, abgemeldete Auto. In dieser Sache, die ihr sehr zu schaffen macht (besonders wegen des Hauses), braucht sie noch psychologische Hilfe und Rechtsberatung durch die Freiwilligen bzw. Anwälte, die sich im Rajon Wyschhorod um die Kriegerwitwen kümmern.

Insgesamt kann man sagen, dass Tanja sich mit ihrer Lage abgefunden hat, sie hat eine Arbeitsstelle und die Kinder entwickeln sich gut. Sie würde gerne das Haus “wintersicher” machen, was aber durch die mangelhafte Bausubstanz schwierig ist und auf Grund der rechtlichen Unsicherheit über die Eigentumsverhältnisse sowie das angespannte Verhältnis mit den Schwiegereltern mit Risiko behaftet ist.

Ihre finanzielle Situation ist prekär, zudem hat sie praktisch alles vorhandene Geld für ein Grabmal ausgegeben – im Unterschied zur Witwe Tatjana im Nachbardorf haben hier weder die Gemeinde noch Armeekameraden mitgeholfen.

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Tanja beklagt sich – z. T. mit Tränen in den Augen – über die endlosen bürokratischen Schritte, die notwendig waren, bis sie die Waisenrente für die Kinder bekam. Nach ihren Worten gehen die zuständigen Behördenmitarbeiter – bei Armee- und Zivilbehörden – mit den Angehörigen der Opfer nicht gerade menschlich um, z.T. werde man regelrecht angeschrien. Angeblich waren z.B. die Dokumente für die posthume Ordenverleihung monatelang “verschwunden”, was die Sache endlos verzögert hat und erst kürzlich abgeschlossen werden konnte.

Tanja hat es geschafft, auf die Warteliste für eine „richtige Wohnung“ zu kommen (auf die sie als Kriegerwitwe offiziell einen Anspruch hat), aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, sehr langsam.

Neben der Essecke ist eine Gedenkecke für den gefallenen Vater der Kinder aufgebaut, Tanja und ihre Töchter zeigen stolz den Bohdan-Chmelnyzkyj-Orden, der dem Kriegsopfer posthum verliehen wurde.

Wir überreichen ihr einen Unterstützungsbetrag von 525,– Euro, der zum größeren Teil von der LÖWEN-Apotheke – H. G. Busen aus Mönchengladbach gespendet wurde – vielen Dank dafür – aufgestockt durch den Erlös des oben zitierten Spendenaufrufs und einen zweiten vom Mai.

Tanja bedankt sich der bei Löwen-Apotheke, Mönchengladbach
Tanja bedankt sich der bei Löwen-Apotheke, Mönchengladbach

Die drei freuen sich auf die anstehende Urlaubsreise nach Montenegro, die vom Parlamentsabgeordneten des Wahlkreises Wyschhorod für alle sieben Witwen von dort organisiert wurde.

Ein sehr angenehmer Besuch muss auch mal zu Ende gehen, der Tag war zu heiß, um sich im Freien aufzuhalten (37°!), eigentlich wollten wir auf dem Rückweg nach Kyiw noch in den Park von Wiktor Janukowytschs skandalumwobenen Kitsch-Palast Meschyhirja – aber dort auf dem Parkplatz war uns das alles zu heiß und stressig und wir fuhren weiter “nach Hause” – schließlich hatten wir gegen Abend noch einen weiteren Witwenbesuch vor.

Wir bitten Euch um Unterstützung für diese und andere Familien von Kriegsgefallenen. Mit Euren Spenden helft Ihr diesen Familien sehr, über die Runden zu kommen und die nötige psychologische Hilfe zu finanzieren. Oder auch ganz einfach, um sich das Nötigste für das alltägliche Leben leisten zu können.

Spenden bitte über PayPal (hilfsprogramm.de.ua@gmail.com)

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Kontoinhaber: Euromaidan NRW e.V., Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn

Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

(falls eine Spendenbescheinigung erwünscht ist, bitte die Anschrift – Straße, Hausnr., PLZ und Ort im Verwendungszweck angeben)

Vielen herzlichen Dank im Voraus,

Euer Team Euromaidan NRW e.V.

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