Spendenübergabe an Witwe Taja mit zwei Söhnen – 10.04.2015 Oblast Saporischschja – Bericht 30

36 Stunden Zeit hatte ich noch zur Verfügung, die Hälfte davon davon ist schon weg, denn ich kam leider erst gestern hier in Melitopol an, und heute Abend muss ich schon wieder los. Unser Zug geht leider schon um 21:00 Uhr. Ich weiß aber, dass es noch eine Frau gibt, die keine Hilfe bekommt – weder von der Stadt noch von der Regierung, da ihr Mann als freiwilliger Soldat an die Front ging.

Ich nenne aus Absicht keinen Ort, denn dies war der Wunsch der Frau. Ich akzeptiere es und nehme ihre Bitte sehr ernst.

Früh heute morgen bekam ich einen Anruf, und mir wurde sofort eine Frage gestellt: „Helfen sie Witwen und Kindern, deren Väter im Bataillon vom „Rechten Sektor“ waren?“ Ich musste erst mal schlucken, und dann sagte ich nur einen Satz: „Wir helfen Kindern und Witwen, ich denke damit habe ich ihre Frage beantwortet!?“ Die Person in der Leitung atmete ganz erleichtert auf und sagte, ich möge auf einen weiteren Anruf warten. Das tat ich auch. Etwas später klingelte mein Telefon wieder und eine nette männliche Stimme fragte, ob es wirklich wahr sei, dass ich die Witwe besuchen will, und ob ich ein Auto habe. Ich musste lächeln, und sagte: „Ja, ich habe einen Zug, der nach Kyiw fährt.“ Die Person verstand meinen Humor, und dann hieß es: „Wir holen Sie ab und bringen Sie sehr gerne dahin, denn wir kennen die Familie persönlich, da der Verstorbene unser Freund war.“

An dem Tag waren alle Volontäre unruhig und alarmiert, da es Verdachtsmeldungen auf Terrorakte gab. Als ich mit Swetlana unterwegs war, bekam sie einen Anruf, in dem es darum ging, dass es allen lieber wäre, wenn alle aktiven Volontäre Zuhause blieben.

Was macht man in solch einem Fall? Denn nun hieß es für mich, von einem Auto in ein anderes Auto umzusteigen. Vorne saßen zwei junge Männer, die wie Soldaten ausgestattet waren, im Auto lagen auch Schutzwesten und etc. Kurzes Kennenlernen: Die beiden gehören zum „Rechten Sektor“, und sie werden mich die restlichen sieben Stunden bis zur Abreise überall hin fahren und sich um mich kümmern.

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Wir verlassen die Stadt Melitopol an einer bewachten Straßensperre und fahren ca. 30 km weiter, bis wir am Ziel ankommen. Während der Fahrt stelle ich natürlich viele Fragen und bekomme auch ausführliche Antworten darauf. Die beiden Männer reden offen mit mir. Sie aber stellen mir auch Fragen, z.B. warum man sich das antut und aus Deutschland herkommt, durch das Land Ukraine fährt und das macht, was unser Verein „EuroMaidan NRW e.V.“ eben tut. Ich habe versucht, dies zu erklären, und sie hörten ganz still zu, bis einer von ihnen, der Max heißt, sagte: „Sehr beeindruckend! Danke an Deutschland und an all die Menschen, die dies alles unterstützen!“

Wir stehen vor dem Haus, in dem die Witwe lebt. Die beide Männer nehmen noch Tüten mit Lebensmitteln aus dem Kofferraum, und wir gehen rein.

Taja, 30 Jahre alt, lässt uns sofort ein, und wir gehen in die Küche, in der wir uns an einem kleinen Tisch zusammensetzen. Die Witwe kennt mich noch nicht und schaut mich neugierig an. Ich stelle mich kurz vor und erkläre ihr, warum ich sie heute besuche und dass ich sie gerne näher kennen lernen würde. Sie sitzt ganz unsicher da und kann nur schlecht verstehen, was jetzt kommt. Ich sage zu Ihr: „Ich möchte sie nur näher kennen lernen.“ Taja kommt ganz langsam auf mich zu, und daraus wird ein Gespräch.

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Ein schweres Gespräch, das mit viel Leid, Schmerz, Enttäuschung, Trauer, Hilflosigkeit und vielen Tränen verbunden ist, welche die ganze Zeit ununterbrochen über ihr junges Gesicht fließen.

Wir waren noch ganz am Anfang, Taja erzählte gerade über sich und ihre zwei Söhne, als ein sehr junger Mann die Küche betritt, ihr die Hände auf die Schulter legt und sagt: „So, jetzt hör auf, reiß dich zusammen. Du musst stark sein!“ Das alles sagte er in einem Befehlston. Ich konnte mich nicht zurückhalten, schaute ihm in seine Augen und sagte ganz leise aber mit fester Stimme „Sie ist eine Frau, die ihren Mann verloren hat. Sie darf weinen und trauern, sie soll und muss es auch tun, wenn ihr danach zumute ist. Sie muss auf keinen Rücksicht nehmen, das ist ihr Schmerz, der mit ihren Tränen rausgespült wird! Ich bitte Sie, die Küche sofort zu verlassen!“

Alle drei Männer schauten mich an, der junge Mann, der ein Bruder des Verstorbenen war, verließ ganz kleinlaut die Küche, und die anderen zwei fragten mich ganz vorsichtig: „Sollen wir auch gehen?“ Warum ich dies alles hier gerade schreibe: Egal aus welchem Bataillon die Soldaten sind, zunächst einmal sind sie alle Menschen. Und diese Männer hatten einen gesunden Verstand, Mitgefühl und Respekt. Ich ließ sie in der Küche sitzen, und so hörten sie die Geschichte von Taja weiter mit an. An diesem Tag haben sie ihren Freund total anders kennengelernt.

Taja und Merusch haben sich im Jahr 2002 in der Stadt Saporisch- schja kennengelernt. Als sie ihn zum allerersten Mal gesehen hat, sah sie nur seinen starken Rücken, und als er sich zu ihr umdrehte, war sie hin und weg. Die Liebe zu diesem Mensch floss durch sie hoch und runter. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelte sich sehr rasch, und so lebten sie kurz danach zusammen, und schon kam ihr erstes Kind zur Welt. Der Junge wurde nach seinem Vater benannt: Merusch, der jetzt 10 Jahre alt ist. Merusch ist ein alt-slawischer Name und bedeutet: „Unsere Kraft“.

Taja war sehr glücklich mit ihrem Mann. Sie selber kam aus einer nicht so guten Familie, und als sie ihren lieben Mann traf, zeigte er ihr was Liebe heißt. Er hat ihr viel Aufmerksamkeit und Zuneigung geschenkt. Merusch selbst ist ohne Vater groß geworden, er musste schnell erwachsen werden und sich um seine Mutter und den kleinen Bruder kümmern. Sein Herz war einfach riesengroß. Die junge Familie schmiedete Zukunftspläne. Merusch träumte von einem eigenen Heim, da die Familie bei seiner Mutter lebte, in einer Wohnung mit nur zwei Zimmern. Im einen Zimmer wohnt die Witwe mit ihren zwei Söhnen und im anderen Zimmer die Schwiegermutter mit ihrem zweiten Sohn. Privatsphäre hat hier keiner von ihnen.

Merusch arbeitete sehr hart, da er seiner Frau etwas bieten wollte, und beide träumten über Nachwuchs, das kostet. Der liebe Gott erhörte die beiden, und im Jahr 2013 wurde Taja schwanger. Wie glücklich die beiden darüber waren, konnte man nicht in Worte fassen. Sie wollten danach auch unbedingt heiraten. „Mein Mann war sehr lieb, und ein sehr zärtlicher Mensch, er trug mich auf Händen, und hatte eine sehr romantische Seite. Er dachte nie an sich selbst, die Familie war Priorität für ihn. Zuerst sollten wir alles haben und glücklich sein. Er brachte uns immer wieder zum Lachen. Er war wie ein stiller Hafen für mich, in dem ich zur Ruhe kam. Er brachte mir bei, wie man lieben kann. Ich habe jetzt für ihn ein Lied geschrieben, irgendwann veröffentliche ich es vielleicht, das Lied heißt ‘Mein bester Freund, mein Mann’.“

Taja war hochschwanger als sie am 12. August 2014 die schreckliche Nachricht bekam. Merusch ist nicht mehr da, er ist Tod!

Video +18 (Achtung, drastische Szenen – das Video stammt vom Propagandakanal der “Donezker Volksrepublik” – die Sprecher prahlen über ihren “Sieg” und zeigen die z.T. gefledderten Leichen der getöteten ukrainischen Kämpfer):

„Nein, das kann nicht sein! Ich wollte und will immer noch nicht daran glauben! Er rief mich noch einen Tag vorher an und sagte, nur ein paar Tage noch, dann würde er auf Urlaub nach Hause kommen.Er versprach mir, dass wir beide zusammen unseren zweiten Sohn zur Welt bringen werden. Er hat sein Versprechen zum allerersten Mal nicht halten können.“

Am 20. August 2014, acht Tage nach dem Tod ihres Mannes Merusch, brachte Taja ganz alleine einen süßen, wunderschönen Jungen zur Welt, er heißt Spartak.

Sie lebt in der Vergangenheit – und denkt immer wieder an das, was ihr Merusch versprach. Der kleine Spartak beschäftigt Taja Tag und Nacht, der Sohn Merusch auch. Mit seinen zehn Jahren versteht er ganz klar, was für eine Tragödie in dieser Familie passiert ist. Er sieht, wie seine liebe Mama aus, Spartak sieht seinem Vater sehr ähnlich. Ganz tolle Kinder!

Und so sitzen wir stundenlang in der Küche, und sie erzählt und weint dabei. Wenn sie über Merusch spricht, erscheint ein schwaches Lächeln in ihrem Gesicht. Erinnerungen, die dieser Frau geblieben sind. Das ist einfach alles so ungerecht, als ob das Schicksal nicht schon genug mit dieser Frau gespielt hat. Ich schaue meine Begleiter an, sie haben ihre Köpfe gesenkt und starren nur den Boden an.

Es herrscht Totenstille, nur Tajas zarte Stimme hängt leise im Raum.

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Ich würde sehr gerne noch länger hier bleiben, aber ich muss zurück nach Deutschland, in ein Leben, in dem es keinen Krieg gibt. Daher fahre ich nun mit der Spendenübergabe fort.

In dem Briefumschlag habe ich nur noch 450,00€, und ich zahle ihr das Geld im Namen des Vereins EuroMaidan NRW e.V. aus und erkläre ihr, dass das Geld für die Kinder ist. Sie bedankt sich ganz herzlich dafür. Merusch braucht eine kleine Operation, und Taja kann sie nun dank eurer Hilfe finanzieren.

Wir gehen zu Tür, ich reiche ihr meine Hand zum Abschied. Sie nimmt meine Hand in ihre zwei Hände und lässt mich nicht los. Ich entschuldige mich dafür, dass ich sie mit meinem Besuch so aufgewühlt habe, zurück kommt von ihr: „Nein, so gut wie jetzt habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Danke.“ Sie hält weiterhin meine Hand, und so stehen wir uns weiter gegenüber und schauen uns nur an…

Meine Begleiter warteten auf mich unten. Max schaute mich an und fragte:“Wie schaffst du das alles, du warst so…, ich konnte die Atmosphäre kaum noch aushalten…“ Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Dies ist der allerletzte Bericht von meiner Dienstreise in die Ukraine vom 28. März 2015 bis zum 12. April 2015.

Liebe Leser, danke, dass ihr uns gefolgt seid. Unsere Berichte oder Spendenaufrufe geteilt habt. Danke für eure Spenden und Unterstützung. Wir bitten euch, dieses Programm „Hilfsprogramm für Witwen und deren Kinder aus der Ukraine “ auch weiterhin zu unterstützen. Denn es gibt noch unzählige Kinder mehr, die ihre Väter durch den Krieg verloren haben. Viele haben nicht nur ihre Väter und Ehemänner verloren, sie haben den Halt in ihren Leben verloren.

Helft uns weiter zu helfen!

Bank: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Kontoinhaber: Euromaidan NRW e.V. Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn

oder über Paypal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

(falls eine Spendenbescheinigung erwünscht ist, bitte die Anschrift – Straße, Hausnr., PLZ und Ort im Verwendungszweck angeben)

Herzliche Grüße, euer Team EuroMaidan NRW e.V.Noelie Uhlmann

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