Spendenübergabe an Witwe Alla in Schytomyr, 30.03.2015 – Bericht 14

alla4Es ist sehr spät, wir haben ca. 22 Uhr auf dem Zeiger, aber unser Termin steht fest, wie Alla es gewünscht hatte, da sie berufstätig ist. Somit laufen wir erstmal Treppen hoch und runter, bis wir endlich die richtige Tür finden, die uns eine herzliche Frau aufmacht, uns ganz lieb begrüßt und anfängt, sich um uns zu kümmern.

alla5Die Kontaktaufnahme geht von ihr aus, und sie fragt, wo wir uns hin setzen möchten, unsere Gruppe: der Fahrer Oleksandr, der allerdings im wahren Leben zur 95. Luftlandebrigade gehört, Oleg, mein Sohn und ich, plädieren auf “Küche”. Sie kümmert sich um uns wie eine Mutter. Da wir kurz zuvor durch die Flure hin- und her spaziert waren, hatten wir uns unsere Kleidung versaut, da nimmt Alla die Jacke meines Sohnes und bringt sie wieder in Ordnung. Wir alle fühlen uns sehr wohl und willkommen. Oleksandr kannte den Verstorbenen und wollte erstmal nicht mit kommen, da er der Witwe nicht in die Augen schauen kann, denn der Verlust tut allen weh. Aber als wir bei Alla sitzen, bereut keiner von uns hier zu sein.

alla6Die Atmosphäre ist wie bei uns zuhause. Alla ist erst vor kurzem von der Arbeit gekommen, hat aber schon einen Kuchen für uns gebacken. Ukrainische Pralinen werde auch auf den Tisch gestellt, und dazu gibt es Kaffee und Tee. Da alle etwas müde sind, nehmen wir das Angebot sehr gerne an und genießen all die Köstlicheiten und lernen uns kennen. Das geschieht einfach so, denn Alla erzählt viel und stellt uns mindestens genauso viele Fragen.

So unterhalten wir uns, jeder kommt zu Wort und Alla erfährt durch Oleksandr viele Sachen über Ihren Mann, da sie – wie alle Frauen – nicht immer alles über ihren Mann weiß. Alla scheint sehr stark zu sein, aber nur nach außen, wie man schon sagt:“Harte Schale, weicher Kern.“ Genau das bekomme ich hier zu spüren.

alla1Ich bewundere diese Frau, die wie so viele ihrer Leidensgenossinnen, eine schwere Aufgabe bekommen hat, sie aber mit ganzem Herzen und der Seele zu bewältigen versucht. Ihre Wohnung ist aufgeräumt und sehr sauber, klare Strukturen und Übersicht, und genau so ist auch ihr Leben. Nachdem wir über alles und nichts gesprochen haben, ziehen sich die Jungs etwas zurück und geben mir damit das Zeichen, dass ich jetzt dran bin, um meinen Anteil der Arbeit hier zu leisten, und mich mit der Witwe unterhalten kann, damit ich später diesen Bericht hier schreiben kann. Alla scheint meine Gedanken zu lesen, und ruft ihren Sohn zu uns herein.

Aleksej ist 16 Jahre alt, sehr groß und ein hübscher junger Mann. Er ist sehr freundlich und offen zu mir. Er treibt sehr gerne Sport und geht jeden Tag zu seinem Boxtraining. Es ist das was ihn zur Zeit interessiert. Er fährt sehr gerne Fahrrad und mag überhaupt alles, was mit Sport zu tun hat. Er treibt sich nicht draußen auf der Straße herum. Er hat ein paar Freunde, die die gleichen Interessen haben wie er selber. Er möchte später IT-Spezialist werden. Über seinen Vater redet er mit großem Respekt, aber in seine Fußstapfen – in die Armee gehen – möchte er nicht treten. Das sagt er mir sehr klar. Er weißt was er möchte.

Aleksej: „Mein Vater war ein sehr gerechter Mensch, ich habe Glück gehabt, dass er mein Vater war! Er hat sich immer Mühe gegeben so nah zu mir sein wie ihm nur möglich, und wie ihm das seine Zeit zuließ. Es fanden viele Gespräche zwischen uns statt, denn er versuchte mir seine Lebenserfahrungen weiter zu geben! Wenn jemand Schwierigkeiten hatte, machte sich mein Vater immer Sorgen und versuchte zu helfen, wo und wie er nur konnte, er war ein sehr hilfsbereiter und einfühlsamer Mensch! Mir fehlen unsere Gespräche … Er fehlt mir.“

„Ich habe nur einen Wunsch,“ sagt er zu mir: „Ich hätte ihm gerne etwas gesagt, es ist sehr viel was ich meinem Vater noch sagen möchte. Wenn ich erwachsen bin, möchte ich ein guter Mensch sein! Ich liebe meine Mutter auch sehr, ich habe viel Respekt vor ihr und ich bin froh, dass ich sie habe und jetzt mit ihr reden kann. Sie schenkt mir viel Liebe und Zuneigung.“ Das alles erzählt er mir über seinen Vater und Mutter.

Ich bin von diesem jungen Mann richtig fasziniert. Nachdem wir uns ausgetauscht haben, überreiche ich die kleinen Geschenke an Aleksej, die Andreas Brandes für ihn besorgt hat. Er schaut sie neugierig an und bedankt sich ganz herzlich dafür. Er fragt dann plötzlich meinen Sohn, ob er mit ihm mitkommen möchte, und die beiden gehen in sein Jugendzimmer und wir bleiben zu viert weiterhin in der Küche und unterhalten uns weiter mit der Witwe Alla.

Als sie hört, dass die Jungs beschäftigt sind, kommt sie noch mehr aus sich heraus und erzählt weiter über ihren Mann Oleksandr und über ihr gemeinsames Leben.

alla7Oleksandr und Alla waren seit 20 Jahren verheiratet. Es war eine sehr gute Ehe. Er war der Mann, Vater und Beschützer für uns, sagt Alla. Alla ist 47 Jahre alt, und arbeitet als Krankenschwester in der Stadt Schytomyr. Allas Ehemann Oleksandr verstarb, noch bevor er 40 wurde. Am 25.11. 2014 hätten sie zusammen seinen 40. Geburtstag gefeiert. Aber es sollte wohl nicht sein. Stattdessen verbrachten die verwitwete Mutter und ihr Sohn jenen Tag in stiller Trauer.

Am Tage des 02.07.2014 arbeitete sie als Krankenschwester in der Notruf-Zentrale, wo sie versuchte, die stressige Arbeit zu bewältigen. An jenem verhängnisvollen Tag, half sie mehreren Menschen deren Leben zu retten. Nur konnte sie leider nicht das Leben ihres eigenen Ehegatten retten. So wurde sie letztendlich von ihrer Arbeit überwältigt.

alla8Oleksandr starb am 02.07.2014 in Krasnij Liman, Donezk. Als die Beerdigung stattfand, kamen viele Kollegen aus dem Krieg zu seinem Begräbnis und sagten alle zu Alla: „Uns wird Oleksandr fehlen, er war wie ein Vater für uns, er war immer vorne und die jüngeren Soldaten sollten nur hinter ihm gehen, er wollte uns beschützen! Wir vermissen ihn sehr. Er war ein sehr guter Mensch!“

Sein ganzes Leben hat Oleksandr der Armee gewidmet, er war sehr beliebt in der 95. Luftlandebrigade. Es war nicht nur ein Job für Ihn, es war seine Berufung, sein Leben, seine Luft zum atmen. Er war für mehrere Projekte verantwortlich und kümmerte sich um andere Kinder. Er machte ein kleines Museum auf, in dem Flugzeuge, die er selber gebastelt hat, ausgestellt wurden, und so beschäftigte er damit die Jugend und holte sie von der Straße. Er ging gerne angeln und liebte einfach sein Leben.

alla9Nach seinem Tod wurde ihm posthum der Rang eines Oberstleutnants zuerkannt. Warum erst danach? Frage ich mich bis heute. Muss man erst sterben, bevor die , die da oben sitzen, anerkennen, das dieser Mann gut war?

Als Oleksandr noch lebte, wurde ihm die Stelle eines Presse-Attachés angeboten, er nahm dies nicht an, da er weiterhin in der Armee bleiben wollte. Er war ein sehr treuer Mensch, und genau wie sein Sohn wusste er, was er gerne in diesem Leben haben möchte.

An die Front zu gehen war auch eine klare Entscheidung, und er wusste was ihn da erwarten wird, aber es war doch schlimmer, als er sich vorstellte, sagte mir seine Frau. Er war manchmal ziemlich mitgenommen und erschüttert über das, was er da jeden Tag erleben musste, erzählte er seiner Frau in Telefonaten. „Jetzt bleibt das Telefon still, er ruft mich nie mehr an…“

alla1Am Anfang weinte Aleksej seinem Vater sehr nach, er versuchte den Kontakt mit all seinen Freunde zu umgehen, denn er wollte nicht bemitleidet werden, und er wollte nicht, dass man über ihn wie über den Sohn eines Helden spricht. „Mein Mann tat das, was er für richtig hielt! Das war seine Entscheidung, und das ist kein Heldentum!“ sagt Alla ganz betont zu mir. „Und mein, unser Sohn denkt genau so. Jetzt kommt er langsam zu sich, und endlich wieder kehrt Normalität ein. In der Nacht spricht Alla zu ihrem Mann und weint. „Nachts ist meine Zeit, wo mich keiner sieht, und ich kann meinen Gefühlen freien Laufen lassen…“

all2Ich schaue auf die Uhr, und es ist Mitternacht, es wird Zeit, dass wir gehen – und so gehe ich zur Geldübergabe über.

Alla und ihr Sohn bekommen vom Verein EuroMaidan NRW e.V. eine Auszahlung in Höhe von 320,00€. Ich erkläre ihr, dass das Geld eine kleine Hilfe für sie und ihren Sohn darstellt, damit sie weiterhin für ihn Sprachkurse und Vereinsbeiträge leisten kann. Sie bedankt sich ganz ganz herzlich dafür.

alla3Wir machen ein paar Fotos, und sie packt mir Kuchen ein und bietet an, meinen Sohn morgen zu betreuen. Alex und Aleksej trennen sich nur ungern. Die beiden haben 3 Jahre Altersunterschied, aber trotz Sprachbarriere kamen sie gut miteinander aus. Aleksej fragt auch ob der Alex ihn morgen besuchen kann, und dass er mit ihm gerne den ganzen Tag verbringen würde, aber so wie Mütter sind, habe ich auf einer Auslandsreise meinen Sohn gerne bei mir. Und so lehne ich ganz vorsichtig das Angebot ab und erkläre, dass ich seine Hilfe morgen brauchen werde.

alla13EuroMaidan NRW e.V. dankt allen Spendern für ihre Unterstützung und Hilfsbereitschaft. Ohne euch wäre das alles überhaupt nicht möglich, und daher möchten wir euch weiterhin um Unterstützung des Programms „Hilfsaktion Witwen und deren Kinder“ bitten.

Bank: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn, Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

oder PayPal : hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Mit freundlichen Grüßen,

euer Team EuroMaidan NRW e.V.

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