Spendenübergabe an die Witwe Natalija und ihren Sohn Kirill, 29.03.2015 Schytomyr (Bericht 7)

Dies ist der siebte Termin am heutigen Tag, seit geschlagenen 14 Stunden sind wir auf unseren Beinen. Ich spüre aber keine Müdigkeit, da ich immer über das, was ich vorher gesehen und erlebt habe, nachdenken muss. Und so sitze ich während der Fahrt in meinen eigenen Gedanken versunken, bis das Auto endlich anhält und unser ehrenamtlicher Mitarbeiter Oleg Boyko mich aus meinen Gedanken reißt und mir sagt, dass wir aussteigen müssen, da wir angekommen sind.

Wir laufen ein Weilchen zu Fuß. Währenddessen erzählt Oleg mir etwas, aber ehrlich gesagt höre ich ihm nicht zu, denn ich bin weit weg, abermals in meine Gedanken vertieft. Als wir plötzlich vor einer Cafeteria stehen bleiben, schaue ich ihn überrascht an.

nat3Ja, das kann schnell passieren , wenn man seinem Gesprächspartner nicht zuhört. Bevor ich in der Ukraine ankam, machte Oleg sich an die Arbeit, um die Termine mit all den Witwen für mich zu planen. Welches für mich bedeutet, dass ich nicht genau weiß, wann und wo ich sein werde, um die von ihm geplanten Termine einzuhalten. Er fährt mich durch das ganze Gebiet Schytomyr, und ich muss ihm nur folgen. Da wir nicht viel Zeit zum Unterhalten haben, und dies grad mal mein erster Tag hier ist, bin ich einfach noch ein wenig durcheinander. Nun stehen wir vor dieser Cafeteria, und er erklärt mir wiederum, aus welchem Grunde wir hier sind.

nat4Witwe Natalija arbeitet hier. Warum wir sie auf der Arbeit treffen werden, erfahren wir gleich. Wir betreten das Lokal, und da sehe ich die junge Witwe schon. Sie steht hinter der Theke und begrüßt mich sofort. Dank Oleg, der für mich die ganze Vorarbeit geleistet hat, weiß sie schon ganz genau, wer ich bin, warum ich hier bin und von wo ich komme. Sie bittet uns ihr zu folgen, und so betreten wir einen Raum im hinteren Bereich des Lokals, der extra für uns abgesperrt ist. Wir setzen uns an einen beliebigen Tisch, und sie fragt uns, ob wir etwas trinken möchten. Natürlich sind wir alle, Oleg, mein Sohn und ich, sehr durstig, also bestellen wir etwas. Sie verschwindet ganz schnell und kommt nach ein paar Minuten mit einem Tablett zurück, auf dem unsere Getränke stehen.

nat5Wir fangen an, uns etwas näher kennen zu lernen, und da erfahre ich warum wir uns gerade hier treffen. Natalija ist 29, sie hat einen Sohn der Kirill heißt, und 5 Jahre alt ist. Die junge Witwe lebt mit Ihrer Mutter (55) und ihrem Sohn in einer 1-Zimmer Wohnung. Sie erhält noch keine Witwenrente, und deswegen beschloss sie, sofort arbeiten zu gehen. Sie arbeitet ganz hart, 13 Stunden am Tag, aber sie hat keine Zeit, um sich zwischen durch hinzusetzen. Einerseits ist sie froh darüber, diesen Job gefunden zu haben, wo sie ca. 70€ im Monat verdient, um damit die ganze Familie zu ernähren, aber andererseits ist sie sehr traurig, da sie kaum Zeit für ihren kleinen Sohn hat. Ihre Mutter ist Rentnerin und kümmert sich die ganze Zeit um Kirill. Als sie mir dies erzählt, werden ihre Augen feucht, und sie bricht den Augenkontakt mit mir ab, und schaut stattdessen auf ihre Hände. Das tut mir so unheimlich leid für sie, aber ich kann die Situation dieser jungen Frau leider nicht so ändern, wie ich es nur all zu gern täte. Leider…

Natalija und ihr verstorbener Ehemann Oleg waren seit 11 Jahren ein Paar. Kennengelernt haben die sich an der Uni. Vor sieben Jahren gaben sich die beiden ganz offiziell das „Ja“ und etwas später kam der kleine Kirill zur Welt. „Er war als Ehemann und Vater sehr aufmerksam zu uns. Wir waren das Allerwichtigste für ihn, und die Familie war Priorität Nummer EINS für ihn. Natalija sagt:“ Er fehlt uns so sehr. Mein kleiner Sohnemann versteht immer noch nicht, warum der Papa nicht Nachhause zurückkehrt.“

nat2Der Cyborg Oleg war 30 Jahre alt, und in seinem „Nicht-Kriegs-Leben“ arbeitete er als Koch in Kyiw. Als zur dritten Mobilisierung aufgerufen wurde, ging er als Soldat der 95. Luftlandebrigade (Schytomyr) an die Front. Seine Einheit befand sich im Donezker Flughafen. Am 20.01.2015 wurde er im Kampf gegen die russischen Streitkräfte im Flughafen getötet. Erst später wurden die Leichen von 52 Soldaten nach Dnipropetrowsk gebracht, die an dem Tag gestorbenwaren, und leider war unter ihnen auch Oleg. Seine Frau bekam erst nach all den Tagen, in denen das Telefon ihres Ehemannes aus war, diese tragische Mitteilung: „Ihr Ehemann Oleg ist in einem Kampf gefallen.“

nat13Sie erzählt mir alles ganz langsam und leise, so als ob sie mit all ihrer Kraft versucht, ihre Fassung zu bewahren. Ich halte die ganze Zeit meinen Kugelschreiber in der Hand, weil ich mir jetzt endlich mal Notizen machen wollte, aber ich kann es nicht tun. Ich schaue sie nur die ganze Zeit an und empfinde solch riesigen Respekt dieser jungen Witwe gegenüber. Sie erlaubt sich nicht zu weinen, sie meint, sie muss weiter und weiter gehen und etwas tun, damit es ihrem Sohn gut geht. Sie hat keine Zeit zum Trauern gehabt. Sie ist immer in Bewegung. Ich weiß nicht, was für sie gut wäre, aber etwas Zeit für sich und ihren Sohn würde ihr bestimmt gut tun. Beiden gut tun!

nat6Ich muss mich langsam auf den Weg zu meinem 8. Termin machen, daher überreiche ich ihr die Geschenke für ihren Sohn, die Andreas Brandes vor meiner Abreise besorgt hat , ein Auto, ein Kuscheltier, und etwas Süßes. Auch überreiche ich ihr die Geldspende von EuroMaidan NRW e.V. in Höhe von 300,00€.

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Sie bedankt sich ganz herzlich für alles, und wir stehen langsam auf, um zur Kasse zu gehen, als sie sagt: „Nein, ich übernehme die Rechnung.“ Dies kann ich nicht annehmen und bestehe höflich darauf die Rechnung zu bezahlen.

nat8Sie bringt uns zu Tür, und wir gehen hinaus in die Dunkelheit. Da bleiben wir eine Weile stehen, und als wir zum Auto gehen, drehe ich mich um und sehe, wie sie vor dem Fenster steht und uns zuwinkt.

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Wir danken all unseren Unterstützern für die tatkräftigen Hilfen des Programms“ Hilfsaktion Witwe“ und hoffen auf weitere Hilfe von Euch, die die Witwen und deren Kinder so dringend in der Ukraine benötigen.

Für die weiteren Spenden benutzt bitte diese Angaben:

PayPal : hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Bank: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS
Kontoinhaber: Euromaidan NRW e.V., Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn,
Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht ist, bitte die Anschrift – Straße, Hausnr., PLZ und Ort im Verwendungszweck angeben

Herzlichst, Noelie Uhlmann und Euer Team EuroMaidan NRW e.V.

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