29.03.15: Spendenübergabe an die Witwe Tatjana in Schytomyr (Bericht 6)

Ich weiß nicht wie ich diesen Bericht hier schreiben soll, da mir die Geschichte immer noch Schüttelfrost bereitet, sobald ich nur daran zurück denke.

Die junge Frau heißt Tatjana und ist 22 Jahre alt. Als wir sie in unser Programm aufgenommen haben, war sie in der 8. Woche schwanger. Ja, sie sollte ein Baby bekommen, und das war schon allein schlimm genug, da sie zu dem Zeitpunkt gerade erst ihren lieben Ehemann in diesem Krieg verloren hat. Wir fingen an uns Gedanken zu machen, wie weit wir sie und das ungeborene Baby später unterstützen könnten, aber das Schicksal entschied für uns.

tat4Tatjana lebt in einem Wohnheim, in einem winzig kleinem Raum. Oleg schaut sich um und sagt, dass wir beim letzten mal aber nicht hier waren, ob sie denn umgezogen sei. Sie nickt nur mit dem Kopf und erzählt: „Ich musste aus dem vorherigen, größeren Zimmer ausziehen. Nur dieses kleine Zimmer war noch frei, also nahm ich es an, bevor ich ganz auf der Straße stand“. Die junge Frau ist sehr schüchtern, redet sehr leise und meidet den Augenkontakt.

tat3Ich versuche irgendwie, mit ihr Kontakt herzustellen. Sie kommt mir entgegen und erzählt langsam und mühsam ihre Geschichte. Es fällt ihr nicht leicht, überhaupt darüber zu reden. Ihren Schmerz versucht sie mit einem schwachen Lächeln zu vertuschen, aber es gelingt ihr doch nicht. Das ganze Leid, der Schmerz und die Verzweifelung entfalten sich, während sie mir ihre Geschichte schildert. In diesem kleinen Raum, der gleichzeitig als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dient.

tat14Ihr verstorbener Ehemann hieß Oleksandr und war 24 Jahre alt, als er starb. Er beendete die Schule, und machte eine Ausbildung zum Koch und Bäcker. Danach lernten die beiden sich bei einer gemeinsamen Freundin kennen. Die Anziehungskraft war so stark, dass die beiden kurz danach geheiratet haben und auch sehr glücklich so waren. Sie fingen gerade an, gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden. Sie arbeitete als Krankenschwester in einem Tuperkulose-Krankenhaus, und er ging nach langem Überlegen in die Armee.

tat13Fünf Jahre lang arbeitete er in der Armee, bevor er im März 2014 aufgerufen wurde, um an die Front zu gehen. Daran zweiffeln, ob es die richtige Entscheidung war oder nicht, wollte er erst gar nicht. Für ihn war dies die richtige Entscheidung, da zu sein, wo er gebraucht wird. Das junge Ehepaar war voller positiver Energie geladen und hoffte, dass der Krieg schnell vorbei sein würde. Dass sie beide danach wieder zusammen sein, und ihr gemeinsames Leben aus- und aufbauen können.

tat16tat15Er kam auch im Urlaub nach Hause, und das war eine sehr schöne Zeit, einfach neben ihm zu sitzen und ihm zu zuhören, erzählt mir Tatjana. Aber dann, wieder die nächste Trennung, denn Olexander musste zurück an die Front, von wo er nicht mehr nach Hause kommen sollte, und auch nicht erfahren sollte, dass seine Frau überhaupt schwanger ist. Am 20. Januar 2015 starb er in der Nähe des Dorfes Piski bei Donezk. Die Separatisten griffen seine Einheit an, und es gab einfach keine Chance für Olexander zu überleben.

tat12Diese schreckliche Nachricht, dass ihr Mann nicht mehr nach Hause kommt, erhielt die schwangere Tatjana. Das war überhaupt nicht das, was eine Frau in ihren Umständen hören sollte, geschweige dem hören wollte.

Sie sagt zu mir: „So einen Mann gibt es kein zweites Mal auf dieser ganzen Welt! Die Wahrheit ist, sagen die Menschen, dass die besten Männer dieses Landes sterben!“

tat11Tatjana hat ihr Kind verloren, kurz bevor ich in die Ukraine kam, um mich mit ihr zu treffen. Ihr junger Körper konnte diesen Stress, Verlust, und die Verzweiflung nicht verkraften, und so verlor sie die zwei Menschen, die sie am meisten in diesem trost -, und hoffnungslosen Lande liebte. Was sagt man in solchen Fällen? Fällt euch etwas spontan ein? Mir nicht, außer sie einfach zu umarmen und zusammen losheulen und vielleicht der Witwe ganz sanft den Kopf streicheln. Ich frage mich bis heute: „Warum?“ Ihr wird erst der liebe Mann genommen und kurz danach der letzten Teil, der ihr noch von ihm geblieben ist, das heiligste und ultimative Geschenk von ihm an sie, ihr gemeinsames Baby. Was sind das für Prüfungen, die wir in unseren Leben bekommen.

Nach dem wir etwas miteinander gesprochen haben, überreiche ich die Geschenke (Lederjacke und Süßigkeiten) und natürlich die Spendengelder in Höhe von 300,00€ vom Verein EuroMaidan e.V. Die junge Witwe bedankt sich ganz herzlich bei euch allen und sendet liebe Grüße an euch.

tat9Sie lässt mich aber nicht so gehen und möchte mich noch ein kleines Stück durch den Flur begleiten. An der Türe schiebe ich sie ganz sanft rein, verabschiede mich und gehe mit schweren, mühseligen Schritten aus dem Gebäude, um nach draußen zu fliehen, wo es gerade eiskalt ist, aber die Kälte ist nicht, was ich fühle. Statt dessen fühle ich pures Entsetzen, verzweifelte Hilflosigkeit und ein Herz so elend und schwer, denn unsere Mittel zur Hilfe und Unterstützung für diese bedauernswerte Frau sind so verdammt begrenzt und wenig. Ich kann nur froh sein, dass unser Termin beendet ist, denn wenn ich nur fünf Minuten länger geblieben wäre, wären die Emotionen meines Mitgefühls buchstäblich aus mir heraus gebrochen. Aber konnte dem gerade noch so entkommen. Und somit haben wir unser 6. Treffen schweren Herzens erledigt.

tat8tat7tat6Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Spendern für ihren Einsatz, ihre Hilfsbereitschaft und tatkräftige Unterstützung, und hoffen, dass wir noch mehr Unterstützung für Kriegswitwen bekommen werden

tat5Für Spenden benutzt bitte diese Angaben:

PayPal : hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Bankkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS

Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: Euromaidan NRW e.V.

Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

(falls eine Spendenbescheinigung erwünscht ist, bitte die Anschrift – Straße, Hausnr., PLZ und Ort im Verwendungszweck angeben).

Euer Team

EuroMaidan NRW e.V. und Deutschland für die Ukraine

Noelie Uhlmann

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