29.03.15 Spendenübergabe an die Witwe Olga und ihre Tochter Marta (Bericht 5)

Spendenübergabe und Treffen mit der Witwe Olga Gnatyuk und ihrer Tochter Marta.

Als wir, Oleg und ich, schon zu Olga Gnatyuk nach Hause fahren wollen, bekommen wir einen Anruf von ihr selber. Sie teilt uns mit, dass sie sich gerade in der Stadt befinde, da sie und ihre Tochter Marta bei einem Fotoshooting waren, und ob wir uns nicht jetzt sofort in der Stadt treffen konnten. Kurz überlegt, entscheiden wir uns gleich zu treffen und verabreden uns zu erst in einem Studentencafé.

olgag1Natürlich ist das nicht das, was wir bis jetzt gemacht haben, aber flexibel muss man auch sein können. Olga kam mit Ihrer Tochter und örtlichen Volontärinnen wie Ирина Коцюба (Irina Kozjuba) und Tatyana Dokil. Die beiden Frauen haben dieses Fotoshooting für die Witwen mit Hilfe einer Fotografin organisiert. So hat die Familie kostenlos schöne Fotos bekommen, und sie waren etwas abgelenkt vom Alltag.

olgag2Olga ist 27, ihre Tochter ist vor kurzem 6 geworden. Die kleine Marta ist ein sehr freundliches und freudiges Kind, man braucht nicht viel tun, um mit ihr ins Gespräch zu treten. Sie erzählt und fragt sehr viel, ist sehr verspielt und doch gleichzeitig nachdenklich. Mit ihr wird aber keinem langweilig, denn sie weiß ganz genau, wie sie uns beschäftigen kann.

olgag3Nachdem wir etwas gegessen und getrunken haben, entschlossen wir uns, das Lokal zu verlassen und unser Gespräch im Büro von Irina Kozjuba fortzusetzen, da ich etwas Ruhe um uns herum haben wollte. Und zehn Minuten später saßen wir an einem großen Tisch und ich überreichte erst mal Eure Geschenke an Marta. Sie schaute mich ganz ernst an und hörte zu, von wem die Geschenke sind. Zum Schluss sagte sie: „Richten Sie meinen Dank an alle diese Menschen aus, ich habe mich sehr gefreut, so tolle Sachen zu bekommen.“

olgag4Daraufhin holte der kleine Schatz eine Tüte aus der Tasche ihrer Mutter und schenkte mir ihren ukrainischen Kopfschmuck, den sie noch vor einer halben Stunde beim Fotoshooting getragen hat. Ich war so gerührt, dass ich kein Wort aus mir raus bringen konnte. Sogar jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, stehen mir noch immer die Tränen in den Augen…

olgag5Und erst danach ging sie mit meinem Sohn in eine Spielecke spielen. Ab dann konnte ich meine Zeit der Witwe Olga widmen und ihr vollkommen zuhören.

Wie jedes mal, klärte ich auf, wer wir sind und warum wir es tun, und Olga hörte mir zu. Ich aber beobachtete Sie und merkte, wie viel Schmerz sie in sich trägt, denn seit der Beerdigung ist noch nicht viel Zeit vergangen.

olgag6olgag7„Ich selber komme aus Russland, Sibirien,“ erzählt mir Olga, „mein Mann war Ukrainer, und kennengelernt haben wir uns hier in Schytomyr. Als ich noch sehr jung war, wollte ich unbedingt irgendwo anderes leben, da wurde beschlossen, dass wir in die Ukraine umziehen. In der Nähe von Schytomyr hatten wir Verwandte, und so stand ich damals in der Stadt, mietete mir eine Wohnung, fing an zu studieren, und in der Nacht arbeitete ich als Bedienung in einem Kaffee. So habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Nach neun Monaten Zusammensein, im Jahr 2008 haben wir geheiratet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er war so aufmerksam, lieb, lustig, freundlich. Ich konnte mit ihm über alles reden. Er hörte mir immer aufmerksam zu. Unsere Gespräche waren sehr tief und vielfältig. Das fehlt mir jetzt sehr.“

olgag8olgag9„Mein Mann, Wolodymyr Gnatyuk, war seit 11 Jahren in der Armee. Als wir unsere Tochter bekamen, entschloss er sich, die Armee zu verlassen und fing dann an, als Bauarbeiter zu arbeiten. Er wollte mehr Zeit mit uns verbringen. Weil er in der Armee immer viel zu tun hatte und auch in der Nach arbeiten musste. Wir waren sehr wichtig für ihn, und er wollte uns glücklich sehen und mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen.“

olgag10olgag11„Bei der ersten und zweiten Mobilisierung ist er zu Hause geblieben, aber als zur dritten Mobilisierung aufgerufen wurde, ging er selber zum Militärkommissariat und hat sich als Freiwilliger eingetragen. Er kam nach Hause mit dem Papier und stellte mich vor die Tatsachen. Ich vergesse nie, was er mir damals sagte: „Versteh’ mich bitte, ich habe 11 Jahren in der Armee gelebt und wurde dafür ausgebildet. Unsere Jungs geben ihr Leben her, ich kann nicht mehr Zuhause sitzen und tun, als ob nichts im Land passiert. Verzeih mir, ich liebe dich, aber ich muss gehen!“

„Am 06.09.2014 verließ er uns, und wir haben ihn bis zum Anfang Dezember nicht mehr gesehen. Jeden Tag sprach unsere Tochter ein Gebet aus: „Mutter Gottes, beschütze meinen Papa und mach es so, dass er wieder nach Hause kommt.“ Eines Tages stand er um 04:00 Uhr morgens vor der Tür, er hatte 4 Tage Urlaub. Also schnell den Zug genommen und ab nach Kyiw, von da aus in der Nacht hat er es per Anhalter nach Schytomyr geschafft und dann 20 km zu Fuß, bis er endlich da war. Als unsere Tochter Wolodymyr gesehen hat, sagte sie: „Gottes Mutter hat mich gehört, siehst du Mama, sie hat mir meinen Papa nach Hause gebracht!“ Drei Tage lang stand die Wohnung auf dem Kopf, denn die beiden tobten sich aus. Es war eine sehr schöne Zeit, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird.“

Wolodymyr Gnatyuk war erst 34 und kam am 26.02.2015 im Dorf Wodyane im Donezker Gebiet ums Leben. Seine Einheit, die 95. Luftlandebrigade geriet in eine Falle und wurde von den russischen Panzern beschossen. Als das passierte, hat er das Leben seines Freundes gerettet, selber aber starb er. Sein lebloser Körper kam erst am 03.03.2015 in Schytomyr an. Am 04.03.2015 wurde er begraben, und seine Frau nahm Abschied von ihm. Als sie mir das erzählt, ist sie sehr ruhig, aber ihre Augen verraten sie, unheimlicher Schmerz steht in ihren Augen geschrieben. Und sie sagt: „Ich weiß nicht, wie ich ohne Ihn leben kann, aber ich muss es tun, da ich für Marta verantwortlich bin, ich muss mich um sie kümmern.“

Als ihr Mann starb, wussten alle davon, aber nicht Olga. Der Kommandant rief sie an, aber konnte diese Mitteilung nicht überbringen. Erst am nächsten Tag rief sie den Kommandanten an, und er presste dann aus sich raus, „Ja, Wolodymyr ist nicht mehr unter uns.“

olgag12Zur Zeit lebt sie ihn der Wohnung, die der Familie ihres Mannes gehört, aber schon bald muss sie da ausziehen, da sie verkauft wird. Sie ist aber nicht traurig darüber: „Ist nicht schlimm, wir ziehen in die Stadt um,“ sagt sie mir. „Erstmal miete ich eine Wohnung für uns, und vielleicht irgendwann bekommen wir etwas von der Stadt.“

Ich hatte so das Gefühl, dass die junge Witwe versuchte, sich selber zu beruhigen und alle Menschen die um sie herum sind, auch. Sie möchte stark bleiben, nicht weinen … Sie möchte nicht bemitleidet werden. Sie hat eine große Last auf sich genommen und trägt das alles ganz allein. Da ihre Eltern in Russland leben, können sie die junge Frau nur per Skype trösten und sich einfach nur mit ihr unterhalten. Ihre Eltern sind sehr gute Menschen, die sehr klar denken und sehr gut die Information sortieren können. Ihren Schwiegersohn haben sie über alles geliebt und leiden auch sehr mit, dass so ein guter Mensch nicht mehr unter ihnen ist.

olgag13olgag14Die kleine Marta kommt auch immer mit Fragen zu Ihre Mutter: „Warum hat Gott unseren Papa zu sich genommen?“

„Wer sind die Engel?“

Sehr oft wenn sie laut spielt oder Blödsinn macht, hört sie auf ein mal auf und fragt:“ Was denkst du, würde das Papa gefallen, was ich gerade mache?“

Langsam geht unser Gespräch zu ende, da ich wie immer weiter muss und wir zur Geldübergabe schreiten sollten. Vorher erkläre ich ihr noch, von wo das Geld kommt.

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olgag16olgag17Dieser Betrag in Höhe von 300,00€ wurde von der LÖWEN Apotheke – H. G. Busen aus Mönchengladbach gespendet. Ich zeigte Ihr die Zeitung und das Prospekt und erkläre Ihr wie die Apotheke die Spenden gesammelt hat und dann an uns, den Verein EuroMaidan NRW e.V., übergeben hat. olgag18Sie war sehr gerührt, und die Augen wurden nass. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass in Deutschland so viele Menschen Ihren Fall kennen und sich Sorgen um sie machen. Sie bedankte sich mehrmals für die Sach- und Geldspenden und sagt zum Schluss:“Bitte sagen sie zu den Menschen in der Apotheke einen lieben Gruß und Danke-schön für die Hilfe.“

olgag19Wir, EuroMaidan NRW e V., möchten uns e benfalls bei der LÖWEN Apotheke – H. G. Busen in Mönchengladbach ganz herzlich bedanken. Für Ihre Unterstützung, Ihre Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche die Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen!“

olgag20Für weitere Spenden benutzen Sie bitte folgende Angaben:

PayPal : hilfsprogramm.de.ua@gmail.com
Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Bank: IBAN-Nr. DE12380601861502025011

BIC GENODED1BRS,

Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn

Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V.

Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Noelie Uhlmann und Euer Team “Deutschland für die Ukraine” und “EuroMaidan NRW e.V.”

olgag21olgag22olgag23Nachtrag: 22.06.2015:

Die Tochter des gefallenen ukrainischen Soldaten Wolodymyr Hnatjuk auf Schytomyr erhielt den posthum an ihn vergebenen Orden „Für Mut“ .

Am 20. Juni 2015 wäre sein 35. Geburtstag gewesen.

Blogbeitrag hier.

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