Spendenübergabe an die Witwe Olga in Schytomyr: 29.03.2015 (Bericht 1)

Heute Nacht kamen mein Sohn und ich in Kyiv an. Nun, 7 Stunden später, stehen wir beide in der Stadt Schytomyr. Das Wetter ist grausam zu uns, denn es schneit, regnet und es ist bitterkalt. Wir sind etwas früher am Hbf. angekommen. Da unser Oleg uns nicht verpassen wollte, kam er auch etwas früher. Als ich ihn gerade anrufen wollte, um ihn wissen zu lassen, dass wir angekommen sind, sah ich ihn schon da stehen. Schnell packten wir unsere Koffer in das Auto, stiegen ein, und dann ging es ab zu Olegs nach Hause. Dort wartete schon ein Teil der Geschenke, für die Witwen und deren Kinder, die ich vorher schon geschickt hatte. Als wir bei Olegs ankamen, packten wir schnell alles aus und um und begaben uns wieder ab ins Auto, denn ich musste nun meinen ersten Termin, mit Witwe Olga, wahrnehmen. Olga2Wir kommen an einem Gebäude an, dass von außen allgemein ganz ok aussieht, aber als wir reingehen, stockt mir der Atem. Wir blicken auf einen langen Flur mit Zwischentüren. An der letzten Tür bleibt Oleg stehen und fragt mich ob ich bereit sei, worauf ich ihm zunicke. Wir klingeln und einen kurzen Moment später öffnet uns eine jüngere Frau, gefolgt von zwei Kindern, die Türe. Sie bitten uns einzutreten, und abermals kommen wir durch einen Flur. Zwei Schritte und wir finden uns in einem Zimmer, welches sicher nicht größer als ca. 4m x 3m ist, wieder. Sie haben keine eigene Wohnung, nur diese 2 kleinen Zimmer mit einem winzigen Bad, im Wohnheim. Kaum genug Platz für die drei zum Atmen, und kein Ausweichen möglich in ihrer Trauer zum Zurückziehen. Als Einrichtung haben sie nur das Notdürftigste. Olga3 Olga4Wir setzen uns auf eine Couch, und für einen Augenblick lang schauen wir uns ohne ein Wort zu sagen nur gegenseitig an. Olga hat wunderschöne, große Augen die viel Kummer, Leid, Schmerz und Liebe widerspiegeln. Da fällt es mir nicht grad einfach, ein Gespräch anzufangen, aber irgendwie müssen wir weiter machen. Aber dann nimmt Oleg die Regie und stellt uns einander vor und versucht die Situation etwas aufzulockern. Olga5 Die Kinder sind neugierig und stehen nur da, um mich zu beobachten. Also gehe ich zuerst auf die Kinder zu und übergebe ihnen die Geschenke, die ihr uns gespendet habt. Lieben Dank, denn das hilft sehr einen Kontakt zu ihnen überhaupt herzustellen. Olga6Wika (6), kommt sofort auf mich zu, und ich merke wie leicht sie es mir macht, nun etwas von meiner Anspannung los zulassen. Sie ist ein sehr aufgewecktes Kind, welches viel fragt und erzählt, viel lacht und einfach sehr lebendig ist. Die neuen Klamotten werden auch direkt anprobiert, („schmunzeln“). Kolja (12), ist eher zurückhaltend, sehr ruhig, beobachtet das ganze Geschehen und verlässt dennoch des Öfteren den Raum. Er unterhält sich etwas mit mir. Er erzählt mir zwar ein wenig über die Schule und seine Freunde, aber so richtig warm wird er nur quälend langsam. Ich mache mir so meine eigenen Gedanken und finde, dass er es schwerer hat als seine kleine Schwester, den Verlust seines Vaters zu verarbeiten und zu verkraften. Als ich Olga darauf anspreche, bestätigt sie meinen Verdacht und erklärt mir, dass er seit des Vaters Tode sehr in sich gekehrt ist, nicht viel mit seinen Freunden unternimmt, und eher Zuhause rumsitzt. olga7Als ich Olga die Geldspende (400 €) übergebe, verrät mir ihr äußerst skeptischer Blick, dass sie zuerst nicht glaubt, dass das Geld geschenkt ist und nicht zurück verlangt wird. Aber sie bedankte sich dann doch herzlich dafür und auch für die Sachspenden. Ich frage mich, was man tun kann, wie man hier noch etwas mehr helfen kann. Jetzt wo ich dieses gerade schreibe und mir die Fotos anschaue, verstehe ich viel mehr, wie schwer es für ihn alles sein muss. Sein Vater war für ihn eine Respektsperson, sein Idol, ein Beispiel für ihn, wie man sein muss. Jetzt schaut sein Vater auf ihn von den Wolken herab, und ich hoffe einfach nur, dass er ihm irgendwie Kraft geben kann damit umzugehen. Man merkt, wie sehr der Vater und Ehemann vermisst wird, als Olga anfängt von ihrem Mann zu erzählen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ich spüre wie sich mein Herz aus Mitgefühl für sie verkrampft und merke wie schwer es mir plötzlich fällt, ihren Blick zu erwidern und nicht selber in Tränen auszubrechen. olga8Witaliy (35), war ein sehr gerechter und geachteter Mensch. Er war lieb, hilfsbereit und wurde von Jedermann respektiert. Nie konnte Witaliy an einem bedürftigen Menschen einfach, ohne etwas zu geben oder zu tun, vorbeigehen. Er kämpfte und setzte sich für die Menschenrechte ein, so gut wie er nur konnte. Wo und wann auch immer er gebraucht wurde, er war sofort da. Witaliy war gerade mal 35 Jahre alt, als er am 26.01.2015 in der Nähe vom Flughafen Donezk schwer verletzt wurde. Die Ärzte versuchten alles und das Beste, welches sie unter den gegebenen Umständen für ihn tun konnten, doch leider erlag er noch am selben Tag seinen schweren Verletzungen. An dem Tag ist auch ein Teil Olgas gestorben. olga9Ich habe das Gefühl, dass Olga keiner Seele traut. Das Gespräch mit ihr verläuft nur sehr zäh, da sie sich immer mal wieder in sich zurück zieht. Die ganze Zeit über versucht sie so tapfer, ihre Tränen nicht überlaufen zu lassen, aber es gelingt ihr nicht. Sie scheint eine sehr liebe Person zu sein, und es ist offensichtlich, dass sie eher keine Rücksicht auf sich nimmt, nur um sich statt dessen um alle anderen zu kümmern. Ihr Mann und ihre Kinder waren schon immer Olgas Mittelpunkt, daher ist es um so leichter nach zu vollziehen, warum sie sich so einsam fühlt und denkt, sie habe Alles durch den Tod ihres Mannes verloren. Zwar funktioniert sie im Moment roboterhaft, aber in menschlicher Hinsicht ist sie momentan wie betäubt. Sie ist berufstätig und arbeitet in der Armee, dort wo auch ihr Mann beschäftigt war. Die Menschen sprechen Olga zwar ihr Beileid aus, aber sie reden eher über sie hinter ihrem Rücken, darüber was ihr passiert ist, anstatt mit ihr zu sprechen und ihr zu helfen. Oder einfach nur zu fragen, ob sie Zeit für eine Tasse Kaffee hat, und sei es nur um ihre Gedanken, für ein kleines Weilchen von, ihrem momentanen Geisteszustand abzulenken. Sie fühlt sich sehr allein, und was es noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass ihre Eltern sehr weit entfernt leben. olga10olga11olga12olga13Dieser Blick, dieses Sehnen tut weh, besonders weil ich weiß , dass wir nun weiter reisen mussten. Ich möchte sie so gern umarmen und trösten, aber ich weiß das wäre ihr zu viel geworden. Olga bedankt sich nochmals und wir nehmen Abschied. Somit ist unser Termin mit Witwe Olga beendet. Wir danken Euch herzlich für Eure Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche die Witwen und deren Kindern in der Ukraine gerade so dringend benötigen. Noelie Uhlmann PayPal : hilfsprogramm.de.ua@gmail.com Banküberweisung: Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn IBAN-Nr. DE12380601861502025011 BIC GENODED1BRS Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen Herzlich, Euer Team „Deutschland für die Ukraine“ https://www.facebook.com/groups/905385149490452/ „EuroMaidan NRW e.V.“ https://www.facebook.com/pages/EuroMaidan-NRW-eV/625910224195021?ref=ts&fref=ts olga14olga15olga17olga16olga18olga19olga20olga21olga22

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