Spendenübergabe an Witwe Iryna und ihre Tochter, Winnyzja, 10.10.2014 – Bericht 13/2014

Nach dem wir (Natalia und ich) in Kyiw ankamen und endlich einen Tag Pause eingelegt hatten, ging die Reise weiter. Mit einem kleinen Unterschied, dass ich nämlich von dem Tag an bis zum Ende meiner Reise die restlichen geplanten Besuche alle allein machen müsse. Aber das war auch nicht schlimm, da die Familie Krawtschuk mich in Empfang nehmen würde, und mit denen zusammen geht die Reise dann weiter. Also richtig gesagt, bin ich nie allein, und das tut mir gut zu wissen, dass immer jemand dabei sein wird.

Ich sollte Iryna eigentlich schon vor ein paar Tagen besuchen, aber leider änderten wir unseren Reiseweg, daher kam es dazu, dass ich erst jetzt bei ihr vorbeikommen konnte.

Das Heft mit den Telefonnummern habe ich verlegt, mein Akku war leer. So war ich kaum vorbereitet, und Iryna wartete auf mich, aber jetzt schaffte ich es und würde sie sehr bald sehen.

Ich kam am abgemachten Ort an, und die Familie Krawtschuk stand schon da. Der Zugschaffner half mir dieses Mal mit meinem Gepäck, vorher als ich in Kyiw eigenstiegen war, hat er das nicht getan sondern nur faul zugeschaut. Vielleicht ist sein Verhalten verändert, weil er meine Auseinandersetzung im Zug mitbekommen hatte?

Kehren wir wieder mal etwas zurück: Ich bin in Kyiw eingestiegen, genau wie alle anderen auch, und ich hatte natürlich viel Gepäck dabei – Sachspenden. Da kam ein junger Mann in unser Abteil rein, setzt sich neben mich und legt seine Füße auf die Sachspenden-Taschen drauf. Wer mich kennt, weiß, dass das ausreichend für mich war, um Ihn anzusprechen. Ich sprach ihn erstmal auf Deutsch an, aber als er auf Englisch antwortete, verstand er, dass ich nicht Ukrainisch redete. Also sagte ich, kein Problem, ich kann auch Ukrainisch und stieg auf die ukrainische Sprache um. Da sagte er mir rotzfrech „Ich verstehe kein Ukrainisch“ und grinste dabei.

Da sagte ich ganz laut „Sie befinden sich in der Ukraine, oder ist das Ihnen irgendwie entgangen? Das ist normal, dass man hier Ukrainisch spricht. Wenn Sie damit Probleme haben, kann ich Ihnen vielleicht irgendwie weiter helfen.“ Die Grimasse des Jungen veränderte sich. Er entschuldigte sich bei mir und verschwand. Keiner im Zug mischte sich ein, alle schauten nur still zu. Und so fuhr ich weiter.

Also half mir der Zugkontrolleur auszusteigen, und da stand unser ehemaliger Patient mit seiner Frau. Es war richtig schön die beiden zu sehen. Der Jurij nahm mein Gepäck an sich, während seine Frau Natalia und ich zum Auto gingen. Ich rief Iryna an und gab ihr Bescheid, dass ich bald bei ihr sein würde.

Da mein Handy wieder einmal einfach aus ging, konnte ich leider nicht prüfen, welchen Ort wir überhaupt suchten, ihre Straße oder Haus. Aber nach langem Suchen wurden wir fündig. Sie stand schon auf dem Balkon und wartete auf uns. Wir stiegen aus dem Auto aus, und da sah sie mich und winkte mir sofort zu, als ob wir uns schon zig Jahre kennen würden. Ich dachte mir, ein paar Treppen hoch steigen, und dann bin ich am Ziel. Eine kleine, zierliche Frau machte mir die Türe auf und schloss mich sofort in die Arme.

So einen herzlichen Empfang, so als ob wir uns wirklich schon ewig kennen würden. Als sie die Taschen sah, war sie besorgt, wie ich das getragen habe, da hat Jurij sie beruhigt, und sagte ihr, dass er mir geholfen hat. Man konnte richtig sehen, wie die Spannung ihr wie ein Schleier vom Gesicht fiel. Ich fragte, wo ich die Sachen auspacken darf, und sie zeigte mir ein Zimmer. Ich nahm ihre Tochter mit, die auch ohne Angst und Scheu auf mich zukam, und wir gingen erstmal die Sachspenden auspacken.

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Ich möchte mich nochmal bei allen bedanken die gespendet haben, denn ich hatte wirklich richtig schöne Kleider dabei, und alle gefielen der Tochter. Der Mutter gefielen sie übrigens auch. Sie probierten dies oder das sofort an, und die Sachen passten auch wie angegossen.

Wisst ihr wie sehr die beiden sich über die Anziehsachen freuten? Ich kann euch auch sagen warum:

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Iryna ist nicht nur verwitwet, sie ist auch Flüchtling. Früher, als ihre Welt noch anders aussah, lebte sie glücklich mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Kriegsgebiet. Ihr Mann war und ist ein bekannter Mann. Daher werde ich jetzt versuchen, nicht zu viele Details preiszugeben. Ihr Mann lebte und arbeitete für die Ukraine. Seine Frau wusste dies, als sie ihn kennengelernt hat, aber die Liebe beider war so groß, dass sie zu ihm zog. Später kam die Tochter zur Welt, und die Familie war überglücklich. Der Papa und Ehemann verwöhnte seine Mädels, erzählte mir Iryna. „Wir waren alles für Ihn, ich hatte nie Zweifel, wie dies oder das gemacht werden musste, denn er kümmerte sich um Alles.“ Sie musste nur etwas sagen, und dann war die starke Rückendeckung auch schon da und er erledigte Alles. Die Tochter war Papas Kind, aber wie kommt sie jetzt mit der ganzen Situation klar? Sie ist doch erst vier und muss weit von ihrer gewohnten Umgebung wohnen. Alle Sachen, Spielzeug, Anziehsachen, einfach alles musste dort bleiben, weil sie zum Packen keine Zeit hatten.

Als die Möglichkeit da war, brachte er seine Familie weg, aber er selbst kehrte zurück. Er empfand es als seine Pflicht, seine Ehre, sein Land zu verteidigen und seine Kollegen nicht im Stich zu lassen. Leider kam er nicht mehr zurück, er starb, als er die Grenze schützen wollte, als die russische Armee ukrainisches Gebiet betreten wollte, er hat versucht, es zu verhindern, er hat es geschafft, denn an dem Tag hat kein einziger russischer Panzer die ukrainische Grenze überquert. Er selbst überlebte jedoch diesen Tag leider nicht.

Die Arbeitskollegen sprechen über die Verstorbenen mit so vielen Gefühlen. Sie sagten, er war wie ein Vater zu uns, denn er kümmerte sich um alle, aber nie um sich selbst. Man konnte ihn um Mitternacht anrufen, und er kam immer und half. Manche Kollegen von ihm sagen: „Wir wissen nicht, wie es weiter gehen soll ohne ihn. Es ist immer noch zu schwer zu begreifen, dass er nicht mehr da ist.“

Jetzt bin ich etwas weit gegangen und hab den Faden beim Schreiben verloren.

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Ach ja, und so saßen wir im Schlafzimmer auf dem Bett wo ich ein besonderes Geschenk übergab, welches Anna Dobler mir mitgab: ein Ipad Hello Kitty.

Die kleine strahlte wie ein Sonnenschein, die Mama aber auch. Irynas Tochter mag Hello Kitty sehr gerne: jetzt hatte sie alles da: Mütze, Hose, Pulli, Jacke, Kuscheltier, Handschuhe und IPAD und alles dazu auch in Pink, 🙂

Iryna erzählte, dass sie versucht, ihre Tochter in einem Kindergarten unterzubringen und um selber wieder arbeiten zu gehen. Sie müssen irgendwie weiter leben, um das alles, was sie da zu Hause hatten, einfach zu vergessen Diese Ungewissheit macht ihr große Angst, und sie hofft, sie schafft das alles ohne ihren Ehemann weiter zu machen.

Als ich ihr die Spendengelder ausgezahlt habe, war sie richtig geschockt, dass sie so „viel“ bekommt, könnt ihr ihrem Gesichtsausdruck in dem Bild entnehmen. Sie bedankte sich immer wieder, dass ich zu dem Wort „Allergie“ greifen musste. Ich erklärte ihr, wer wir sind und dass ich sozusagen nur die Ehre habe, ihr alles zu überreichen, und dass viele Menschen an diesem Programm teilnehmen indem sie spenden, etwas tun und einfach die Informationen und Hilferufe verbreiten. So gelingt es uns gemeinsam zum Schluss irgendwie Menschen in der Ukraine zu helfen. Sie war sehr begeistert zu erfahren, wie so ein Programm funktioniert und sagte, ich solle bitte an alle Menschen einen riesigen Dank ausrichten. Dank Euch allen lachte die Kleine und die Mutter an dem Tag sehr viel und sehr oft. Nachdem wir alles übergeben haben, wurden wir auch zu Tisch eingeladen.

Die Fotos sagen viel: Obwohl sie obdachlos ist und kein Geld hat, gab sie sich richtig viel Mühe. Jurij übernahm die Gesprächsführung am Tisch, und so lachten wir mit Iryna sehr viel, so dass wir manchmal nicht aufhören konnten. Danke Jurij. Als wir gehen wollten, war es schon nach 22 Uhr, da sagte die Iryna: „Ich dachte Sie übernachten hier.“ Ich musste leider wie immer ablehnen und gehen.

Die Gedanken über Iryna gehen mir immer noch nicht aus dem Kopf, ich frage mich was man machen kann, damit man sie irgendwie finanziell unterstützen kann – und nicht nur sie, sondern andere Frauen auch. Ich kann nur hoffen dass ihr diese Reise-Übergabe-Berichte wirklich durchlest und die gleiche Meinung wie ich habt, denn wir müssen Spendenaufrufe weiterteilen und starten und sammeln, für diese Frauen.

Ich hoffe dass meine nächste Reise schon bald sein wird und dass wir unsere Schützlinge wieder treffen können und dürfen.


Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung – Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Eure Noelie Uhlmann und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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