Spendenübergabe an Witwe Vera und ihre drei Söhne, Obl. Schytomyr, 8.10.2014 – Bericht 10/2014

Dies ist der zweite Tag den wir in Schytomyr verbringen. Nachdem wir alle woanders geschlafen hatten, trafen wir uns sehr früh am Morgen und machten uns auf den Weg zu unserem nächsten Witwenfall.
Die Reise war sehr lang, und als wir endlich ankamen, fanden wir uns irgendwo mitten in einem Wald wieder, auf einem Gelände, auf dem früher einmal eine Militärbasis war. Heute ist das – ich kann es leider nicht anders nennen – kaum mehr als eine Geisterstadt. Sorry, dass ich es so ausdrücke, aber da waren weit und breit keine Kinder in Sicht. Lediglich ein paar Erwachsene standen auf einer „Straße“ herum.
Irgendwann kamen wir dann an einem Haus an, welches noch aus sowjetischen Zeiten stammte. Wir betraten den Hausflur und sahen, dass Vera zum Glück im Erdgeschoss wohnt, so mussten wir die schweren Taschen ausnahmsweise mal nicht weit schleppen. Eine Tür ging auf, und wir betraten abermals einen Flur, von höchstens 2,5 Metern. Nach rechts gab es eine kleine Küche, Toilette und ein Zimmer, das wir dann auch betraten. Meine Kollegin Natalia dachte, dass noch mehr Zimmer vorhanden wären in der Wohnung, und schaute mich fragend an. Ich sagte ihr, dass hier keine Räume mehr vorhanden sind, aber sie wollte mir zuerst nicht glauben und fragte Vera noch einmal. Als es endlich eingesickert war, dass es hier wirklich nur ein einziges Zimmer gab, wirkte sie äußerst entsetzt.

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Ein Zimmer für VIER Personen… Kann man das als Leben bezeichnen?
Zu allem Übel hat das Haus nicht einmal ein Heizsytem, welches bedeutet – im Winter eingepackt in dicken Jacken und Decken herumsitzen (vorausgesetzt dass Jacken und Decken überhaupt vorhanden sind). Vor einem halben Jahr hat Vera sich und ihren Kindern ein Heizsystem hart erkämpft. Die Stadt sollte die Kosten übernehmen. Jetzt kommt der Knaller, denn das Heizsystem wurde in der Wohnung eingebaut und installiert, aber, die Anlage wurde nicht bezahlt und die Firma und Arbeiter haben auch keinen Lohn für den Einbau bekommen! Was konnte Vera nun tun? Sie hatte Zuhause noch 2500 UAH, das Geld, welches ihr verstorbener Mann für die Einschulung der Kinder gespart hatte. Sie hatte keine andere Wahl, als die Ersparnisse her zu geben. Sie schämte sich so sehr, einerseits den Arbeitern gegenüber wegen ihrer Stadt, andererseits weil sie sich fühlte, als ob sie ihre eigenen Kinder bestohlen hätte. An dem Tag konnte sie weder den Arbeitern, noch ihren eigenen Kinder in die Augen schauen. Sie schwor sich, dass sie auch dann den Rest des Geldes irgendwie abbezahlen wird, wenn die Stadt die restliche Summe nicht zahlt. Denn schließlich müssen auch die Familien der Arbeiter essen, sagte sie. Das ist eine Witwe, die mit ihren drei Söhnen auf 15 qm schläft, wohnt und lebt, und obgleich sie sich in einer sehr engen Notlage befindet, denkt sie dennoch an das Wohl anderer.

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Vera war uns gegenüber sehr aufgeschlossen, hörte uns mit wahrem Interesse zu und erzählte uns sehr viel über sich, ihre Kinder, ihrem Mann und ihr gemeinsames Leben vor und nach der Tragödie. Sie erzählte uns auch, wie es ihrem Mann erging als er im Krieg war. Wie er im Dreck schlafen musste, dass es sehr oft nicht mal Wasser zum Trinken gab, auch Essen gab es nur sehr unregelmäßig, so dass er manchmal mehrere Tage an einem Stück hungern musste. Sie und die anderen Frauen mussten all ihre Vorräte zur Front schicken, an die Männer, die das Land verteidigten, an ihre eigenen Ehemänner, damit sie überleben konnten. Wie traurig, sie kämpften, verteidigten, schützten, dursteten, hungerten – und letztendlich auch für ihr Land starben. Ein Land, dessen Führung sich nicht um seine Kämpfer kümmert, ein Land dessen Führung es gleichgültig war, ob seine Männer kämpfend dastanden oder sterbend dalagen. Eine Führung, die Tausende und Abertausende Familien zerrüttet und zerrissen und ihnen alles genommen hat, ja sogar den stabilen Boden unter ihren Füßen weggerissen hat. Eine Führung, die das gesamte Familienleben des Landes in Trümmer verwandelt hat und sich nun vor der Verantwortung drückt, sich um die Hinterlassenen zu kümmern.

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Es war nicht genug, dass dieser Krieg ihr den geliebten Ehemann nahm. Sie wollten ihr auch ihren 17-jährigen Sohn nehmen, der noch immer zur Schule geht. Sie schickten ihm einen Brief, worin stand dass er zur Armee einberufen werden soll. Mit 17… ! Gott sei Dank hat Vera dies noch grade so verhindern können. Klein wie ein Mäuschen aber mutig wie ein Löwe begleitete sie ihren Sohn zum Meldeposten. Es gab viel Streit und Hin und Her, aber sie erreichte ihr Ziel, nämlich nicht allein nach Hause zu gehen sondern in Begleitung ihres Sohnes. Beim Meldeposten sagte man ihm, dass er sich nicht so anstellen solle und dass die Armee einfach Pflicht sei. Mein Respekt geht an Vera, denn wie viel Beherrschung und klare Gedanken hat es sie gekostet um dies zu erreichen?! Seitdem ist sie sehr sehr vorsichtig geworden, und das sehr zu Recht.
Sie sagte: „Sie nahmen mir meinen Mann, aber ich soll verflucht sein, wenn ich zulassen würde, dass sie mir auch noch meine minderjährigen Söhne nehmen. Solang es mir irgendwie möglich ist, werde ich um meine Kinder wie eine Löwin kämpfen!“ Derzeit versucht sie, eine größere Wohnung zu bekommen, die ihr ja auch gesetzlich zusteht. Sie hofft, dass es klappt, denn im Moment schläft sie auf dem nackten Boden, damit ihre Kinder sich das kleine Sofa teilen können.
Mir ist aufgefallen, dass diese Frau über jedermanns Bedürfnisse sprach, nur nicht über ihre eigenen. Sie sorgt sich sehr um das Wohlergehen anderer, denn sie hat ein großes Herz.

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Ihre Kinder sind sehr wohl erzogen, sie sind äußerst höflich, nett und zuvorkommend. Als wir uns mit Vera unterhielten, passten die beiden größeren Söhne auf den kleinen auf, der der Sonnenschein der Familie ist. Man konnte richtig sehen, dass er richtig verwöhnt wird, und nicht nur von seiner Mama, sondern auch von seinen beiden Brüdern. Die beiden kümmerten sich so liebevoll um ihn und unterhielten ihn, wo sie nur konnten. Danke an Julia, denn die Jungs freuten sich überirdisch über deine neuen Handys und den mp3-Player, mit denen sie auch sogleich loslegten. Vielen Dank an Alle für die Spenden, denn deswegen konnten wir dieser Familie etwas Gutes tun, wir ließen ihr 600.– Euro und Sachspenden.
Ich hoffe, dass beim nächsten Mal, wenn wir Vera besuchen kommen, sie alle schon in einer größeren Wohnung leben werden, denn das wünsche ich ihnen von ganzem Herzen.


Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung – Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Eure Noelie Uhlmann, Natalia Likhacheva und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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