Spendenübergabe an Witwe Tetjana, Obl. Schytomyr, 7.10.2014 – Bericht 7/2014

Nach einer Autofahrt, die uns unendlich vorkam, kamen wir endlich bei Tetjana an. Tetjana wohnt bei ihrer Mutter mit dem kleinen Jungen, von dem sie nur fünf Tage nach der Beerdigung ihres Mannes entbunden hat.

Ihre Mutter stand schon vor dem Zaun und erwartete uns. Nachdem wir ausgestiegen waren, bat sie uns alle herein. Bevor ich ins Innere des Hauses folgen konnte, musste ich abermals an diesem Tage ganz tief einatmen. War dieses Haus, das ich da sehe, richtig? Oh Gott, nein, dachte ich mir, denn so kann, darf und sollte kein Mensch leben müssen. Es war einfach unter aller Menschenwürde. Mich beschlich ein Gefühl der Trauer und die Gewissheit, dass dieser Fall wohl um einiges tragischer sein würde als unser letzter.

Tetjana ist 21, genauso alt wie ihr Mann, der an die Front ging, um sein Land, seine Kultur, seine Nationalität und seine Familie zu beschützen. Als er an der Front fiel, war seine Frau hochschwanger. Er starb eines Heldentodes, aber leider wird dieser Held nie sein allererstes Kind sehen dürfen. Die beiden waren frisch verheiratet, und so nahm dieser Krieg seiner Frau Tetjana alles, was sie hatte. Das Glück am gemeinsamen Lieben und Leben und das Seite-an-Seite-alt-Werden, die Freuden und Hürden, die ein jedes Ehepaar enger zusammenschweißt. Nichts von alledem wird sie je erfahren können. Der kleine Junge wird niemals seinen Vater kennen lernen, abgesehen von dem was man ihm über seinen Vater erzählen wird. Tetjana nimmt die Verantwortung über das gemeinsame Kind sehr ernst und versucht ihre Trauer ganz nach hinten zu schieben, da der kleine Sohn sie voll und ganz braucht, aber man sah, dass in ihr ein ganz eigener Krieg tobte, um gegen den Schmerz anzukämpfen.

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Natalia nahm den kleinen süßen Jungen in den Arm, um mit ihm zu kuscheln, während Tetjana und ich die Quittungen und alles andere regelten. Wir konnten ihr aus den eingegangenen Spenden 300.– Euro übergeben.

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Sie hat sich sehr über die Hilfe gefreut. Wie ich schon sagte, lebt sie bei ihrer Mutter und hat obendrein noch eine kleinere Schwester. Die Mutter geht zwar arbeiten, aber wie soll sie alle allein unterhalten? Das geht einfach nicht. Tetjana sagte uns, dass sie irgendwann Witwenrente erhalten wird, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg und vermutlich lange Zeit. Bis es endlich soweit ist, kann sie nur auf ihre Mutter zählen und hoffen, dass die Regierung endlich etwas unternimmt: Auszahlung der Witwenrente, Übergabe einer eigenen Wohnung. Und schon wieder frage ich mich, wie diese junge Frau mit ihrem Sohn in einer ein-Zimmerwohnung leben soll. Wenn sie diese überhaupt irgendwann von der Regierung zugesprochen bekommen wird. In meinen Augen unmöglich, aber ihr stehen eben leider nur 30 qm zu!

Ich schaute mich ein wenig im Hause um, und fühlte mich mit jeder neuen Entdeckung, die ich machte, immer unwohler. So hat das Haus zum Beispiel weder eine Badewanne noch eine Toilette. Das Wasser läuft aus solchen Rohren, dass man beim bloßen Anblick schon Ausschlag bekommt. Wie soll überhaupt ein Mensch unter solch Konditionen leben? Was ist mit dem kleinen Sohn? Seinem Wohlergehen? Seiner Gesundheit?

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Als wir sie auf die Wohnung ansprachen, die sie bekommen sollte, sagte sie: „Ich war da und man fragte mich, ob ich denn wisse, wie viele Frauen, wie ich es bin, es gebe.“ Was soll das denn bloß heißen? Darf man so mit einer Witwe reden? Die Eindrücke sitzen noch immer so tief, dass es sehr schmerzt, darüber auch nur nachzudenken.

Als wir später nach draußen gingen, suchte Tetjana sich Schuhe aus. Dank Eurer Spenden fand sie ein Paar für sich, aber sie schämte sich sehr ein zweites Paar zu nehmen. Sie wusste, dass wir noch weiter fahren mussten, um anderen Menschen zu helfen. Sie wollte, dass für die anderen Frauen auch noch etwas bleibt. Wir haben sehr eindringlich mit ihr reden müssen, um sie davon zu überzeugen, dass sie sich doch noch das zweite Paar nehmen solle. Erst nachdem wir ihr versicherten, dass wir noch genug für die anderen haben, gab sie nach und nahm die Schuhe an sich.

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Was soll ich dazu schreiben ? Mir fehlten einfach die Worte. Hier hatten wir eine Witwe die gerade alles verloren hat und vor einem großen NICHTS steht, und dennoch aber selbst in ihrer eigenen Not an andere denkt. Ich war sehr gerührt über ihr Verhalten.

Zum Schluss sagte sie : „Richten Sie allen Menschen in Deutschland meinen Dank aus, und ich hoffe dass wir uns wiedersehen werden.”


 

Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung – Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Noelie Uhlmann, Natalia Likhacheva und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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