Spendenübergabe an Witwe Switlana, Obl. Schytomyr, 7.10.2014 – Bericht 5/2014


Der Tag fing früh an, um genauer zu sein, um 06:00 Uhr morgens. Natalia, Ilja (unser Fahrer) und ich trafen uns mit Oleg um 09:00 Uhr am Busbahnhof, wo wir abermals alle Taschen umsortieren mussten. Als das erledigt war, fuhren wir mit zwei Autos los.

Als wir an unserem derzeitigem Ziel ankamen und vor der Türe standen, konnten wir nicht sofort rein, denn alle wollten erst einmal rauchen. Ich denke mal, dass wir alle etwas Zeit schinden wollten, um uns geistig sowie auch seelisch ein wenig vor zubereiten. Bevor ich es vergesse, Oleg – unser Volontär aus Schytomyr, brachte eine Journalistin mit. Ich weigerte mich, ein Interview zu geben, aber Oleg meinte dass die ukrainische Regierung schon wissen soll, dass das eigene Volk auf Hilfe von anderen warten muss. Uns so saßen wir dann also alle im Auto und gaben ein kleines Interview darüber, wer wir sind, was wir tun und wie wir es tun. (Der ukrainischsprachige Artikel von Julia Demus hier)

Wir werden zwei Tage im Schytomyrer Gebiet verbringen.

Zuerst besuchten wir ein Frau Namens Switlana. Als ich vor drei Monaten über sie schrieb, war sie schwanger. Meines Wissens nach, würde ich das Baby gleich kennen lernen.
Nach langem Hin und Her trauten wir uns endlich anzuklopfen. Switlana öffnete uns die Türe und ließ uns eintreten. Der erste Eindruck : Die Frau schläft kaum und braucht dringend Hilfe. Ihre Augen waren vom Weinen total geschwollen. Sie sprach nur sehr leise, und eigentlich war nur ihr Körper anwesend, aber nicht ihre Seele.

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Wir fragten nach ob sie das Baby schon geboren hat. Sie bejahte dies und ließ uns die bezaubernde, kleine Inessa ansehen, die gerade mal zwei Wochen alt war. Die große Tochter (12) und der Sohn (4) waren auch zuhause.

Zuerst packten wir die Sachspenden aus, und erklärten der großen Tochter, was für wen war. So konnten wir uns nebenbei auch ein wenig mit ihr unterhalten. Sie macht sehr viel im Haushalt und kümmert sich auch um ihren kleinen Bruder. Sie ist all die Unterstützung die ihrer Mutter noch geblieben ist. Dieses Mädchen, so schmal und zerbrechlich, ist selbst noch ein Kind, trägt aber schon jetzt die schwere Last eines Erwachsenen.

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Während dessen raste der kleine Rabauke durch die ganze Wohnung um alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Natalia nahm sich ihm an damit ich mich zunächst auch mit Switlana unterhalten konnte.

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Zuerst war es ihr unmöglich zu reden, denn ihr ganzer Körper wurde von heftigen Weinkrämpfen regelrecht durchschüttelt. Was sollte ich tun? Was sollte ich dieser armen Frau nun nur sagen? Also tat ich das einzige das man in gegebener Situation nur tun kann. Ich nahm sie in meine Arme und lies sie weinen und trauern. Als sie nach und nach etwas ihrer Fassung wieder erlangte, versuchte sie mir über ihren Mann zu erzählen, aber sie brauchte einfach noch mehr Zeit. Aber eines war schon schmerzlich offensichtlich, nämlich dass sie ihren verstorbenen Mann über alles liebt. Nach und nach bekam sie ihre Trauer wieder etwas besser unter Kontrolle und erzählte mir wie lieb er war, dass er weder rauchte, noch Alkohol trank. Er kam immer direkt nach der Arbeit nach Hause und kümmerte sich liebevoll um seine Familie, denn das ist alles wofür er lebte. Sie kann und möchte es einfach noch nicht akzeptieren dass ihr Mann nie wieder Heim kehren wird.
Sie verstand es einfach nicht und fragte immer und immer wieder: Warum musste es mein Mann sein? Warum? Warum wenn er doch ein so guter Mann war?

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Aber zum Glück wachte dann Inessa auf und wendete dadurch das Gespräch etwas ab. Ich fragte ob ich die kleine halten durfte und Svitlana gestattete es mir. Ich wollte das kleine, winzige und süße Wunder ehrlich gesagt nicht wieder loslassen. Die kleine Inessa sieht ihrem Vater sehr ähnlich, daher jedes Mal wenn Svitlana ihre kleine Tochter ansieht, muss sie erneut weinen. So sagte Switlana es mir später.

Diese Frau ist seit dem Tode ihres Mannes einfach nicht mehr vollkommen. Das Schicksal war zu hart für diese Frau, denn das Schicksal traf Svitlana nicht nur ein mal, sondern schlug direkt gleich zwei mal zu. Erst musste sie ihren Vater zu Grabe tragen, nur um kurz darauf die Mitteilung über das Versterben ihres über alles geliebten Ehemannes, entgegennehmen zu müssen. Und als ob das noch nicht genug war, wurde das Grab ihres Mannes auch noch geschändet und in Brand gesetzt und musste demzufolge wieder neu hergerichtet werden. Wie soll das alles eine hochschwangere Frau verkraften ? Aber Switlana hat es dennoch geschafft und sich dabei bisher sehr tapfer geschlagen. Da stellt sich mir ernsthaft die Frage: Würde ich an ihrer Stelle alles so wie sie bewältigen können?

Switlana ist eine sehr ruhige Person. Sie hat studiert und schmiedete einst auch große Pläne. Jedoch wurde all dies durch die grausamen Schicksalsschläge zerstört. Ich kann nur hoffen, dass sie irgendwann innere Ruhe finden kann um dort weiter zu machen, wo sie einst aufhörte. Denn, es wäre echt schade wenn das Talent einer so klugen Frau, der Öffentlichkeit gegenüber verborgen bleiben müsste. Derzeitig denkt sie nur an ihre Kinder und an ihren verstorbenen Mann. Sie wiederholt immer und immer wieder dass sie hofft ihre Kinder bleiben gesund. Leider schmiedet sie seit jener verhängnisvollen Mitteilung keine Karriere Pläne mehr. Dieser Krieg nahm ihr alles und zerstörte nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Zukunft. Es stellt sich mir auch die Frage, Warum?
Wisst ihr was aber ganz schlimm ist? Da zu sein und zu wissen dass man überhaupt nichts tun kann um zu helfen. Was wird dieser Frau helfen? Ist es nicht die Zeit, die alle Wunden heilen soll?

Es tut mir leid, wenn ich beim Berichten etwas persönlicher werde, aber ich kann und möchte auch nicht schweigen. Ich möchte dass ihr seht, lest und vielleicht auch ein wenig nachempfindet, von welch brutalen Schmerzen die Herzen dieser Frauen, die ihre Männer verloren und immer noch verlieren, heimgesucht werden. Heimgesucht von Schmerzen die kaum noch ertragbar sind, dennoch aber gezwungen zu sein weiter zu kämpfen, gezwungen zu sein all den Schmerz vor den eigenen Kindern zu verbergen damit sie die Verzweiflung nicht zu sehen bekommen die ihrer Mütter innewohnt.

Während unserem Besuch, musste ich mehr als einmal hart daran arbeiten meine Gefühle zu unterdrücken und versuchen abzublocken, um ein wenig Distanz von meinen persönlichen Gefühlen, bezüglich des Leides das ich dort sah, zu gewinnen. Ich schaffte es auch nur gerade eben, aber meine Kollegin Natalia konnte es nicht, welches mir nur noch mehr weh tat und die Situation umso schwieriger machte. Deshalb verließen wir Svitlana dann auch obwohl wir eigentlich noch nicht gehen wollten.

Ich weiß nicht ob es mir irgendwann möglich sein wird, ob ich bereit sein werde, euch allen die ganze grausame Geschichte, die traurigen Erlebnisse, die herzzerreißenden Gefühle und Eindrücke mitzuteilen. Aber ich denke nicht, denn es ist einfach zu schwierig so viel Kummer, Leid und Schmerz zu verarbeiten. Ich möchte mir nicht vorstellen müssen eine dieser Frauen zu sein, wenn dies alles mich schon als sozusagen, unbeteiligte, so derbe mitnimmt.

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Switlana erhielt eine Geldunterstützung in Höhe von 600.- Euro aus Euren Spendenbeiträgen sowie die oben erwähnten Sachspenden.


Wir danken Euch herzlich für Eure bisherige Unterstützung, Euer Engagement und die praktische Hilfeleistung, welche diese und andere Witwen und deren Kinder in der Ukraine gerade so dringend benötigen – und hoffen natürlich auf weitere Spenden.

Spenden bitte über PayPal: hilfsprogramm.de.ua@gmail.com

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

oder per Banküberweisung – Spendenkonto: IBAN-Nr. DE12380601861502025011, BIC GENODED1BRS, Volksbank Bonn-Rhein-Sieg eG, Bonn – Kontoinhaber: EuroMaidan NRW e.V. – Verwendungszweck : Hilfsaktion Witwen

Herzlichst

Noelie Uhlmann, Natalia Likhacheva und das gesamte Team “Deutschland für die Ukraine” sowie “EuroMaidan NRW e.V.”

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